Die Kunst, sich nicht einsperren zu lassen

Das vollständige Interview mit Kristian Stemmler, gekürzt veröffentlicht in der „Analyse & Kritik“ vom 15 Juni 21.

Vor 26 Jahren bist Du mit Bernd Heidbreder und Peter Krauth aus der BRD geflohen, ihr drei hab seitdem im Exil gelebt, seit einigen Jahren am Rande der venezolanischen Stadt Mérida in den Anden. Bernd ist nun am 27. Mai im Alter von 60 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben. Kannst Du etwas zu den Umständen seines Todes sagen?

Bernd kam schon seit einiger Zeit nicht besonders gut daher, hatte Sehstörungen, Schwindel, war dünner geworden. Vor etwa drei Wochen verschlimmerte sich sein Zustand sehr plötzlich, innerhalb von nur einer Woche war er nicht mehr in der Lage, zu laufen, ohne dass wir auch nur einen Schimmer hatten, was das sein könnte. Schließlich mussten wir ihn hospitalisieren, erst im öffentlichen Krankenhaus, wo sie ihn gar nicht da behalten wollten, dann in einer Privatklinik. Da kam dann der Verdacht auf einen Hirntumor auf, der sich bestätigte. Er wurde operiert, mit einer schlechten Prognose, war danach noch zwei Tage bei Bewusstsein, bis er ins Koma fiel und einen Tag später starb. Das Ganze ging in solch einer atemberaubenden Geschwindigkeit vor sich, dass wir gar nicht hinterher kamen. Weil wir uns so unsicher waren, ob wir Bernd unter den chaotischen Bedingungen hier auch wirklich alle notwendigen medizinischen Möglichkeiten zur Verfügung stellen können würden, haben Freund*innen in Deutschland parallel immer bei Ärzt*innen dort rückgecheckt, ob hier vor Ort tatsächlich alle nötigen Massnahmen getroffen worden sind. Das war sehr wichtig, weil es uns die Sicherheit gegeben hat, dass wir nichts übersehen oder ausgelassen haben, um Bernd zu helfen. Aber es war nichts mehr zu machen.

Wann habt Ihr ihn zuletzt gesehen und gesprochen?

Am 25. nachmittags habe ich mich zuletzt mit ihm unterhalten. Er war sehr frustriert, konsterniert, plötzlich ein Pflegefall geworden zu sein. Er hatte Lust auf gar nichts. Ich fand das so traurig und habe ihn deshalb gefragt, ob es denn nicht irgendwas gäbe, auf was er richtig Lust habe, egal wie unrealistisch es auch sei. Er hat lange nachgedacht, wirklich ein paar Minuten, und dann sagte er: „Ja, Schokoladeneis.“ Daraufhin kam eine Pflegerin für erste Gymnastikübungen. Ich bin so lange raus und habe überlegt, wie ich an ein Schokoladeneis kommen könnte, und nach ein paar Minuten wurde ich gerufen: Herz- und Atemstillstand! Sie konnten ihn nochmal wiederbeleben, aber aus dem Koma ist er nicht mehr aufgewacht. Irgendwie fand ich das tröstlich mit dem Schokoladeneis, denn es ist auch mein Lieblingseis, und von jetzt an werde ich nie wieder eines essen, ohne an Bernd zu denken.

Peter war während der Zeit von Bernds Krankheit und Tod zuhause isoliert, weil er an Corona erkrankt war. Er konnte nur noch telefonisch mit ihm reden. Das muss sehr schwer sein, so was aus der Entfernung zu verfolgen. Ich durfte wenigstens die ganze Zeit an seiner Seite sein.

Bernd, Peter und Dich verbindet die Geschichte der gemeinsamen Flucht nach dem gescheiterten Anschlag der militanten Gruppe KO.M.I.T.E.E. auf ein ehemaliges DDR-Frauengefängnis in Berlin-Grünau, das zum Abschiebeknast umgebaut werden sollte. Was bedeutet Bernds früher Tod für Euch?

Das kann ich dir noch gar nicht sagen, dafür ist das noch viel zu frisch. Irgendwie scheint ein Abschnitt des Lebens zu Ende zu sein, denn unsere Flucht war ja eine Geschichte von drei Freunden, und auch wenn man sich im Laufe der Jahre unterschiedlich entwickelt hat, waren das ja Jahrzehnte, wo man zusammen gehalten hat wie Pech und Schwefel. Also wenn mich jemand fragen würde „was hast du geleistet in deinem Leben?“ würde ich sagen, ich habe mich von den Bullen nicht einsperren lassen, das ist mein Lebenswerk, frei zu bleiben trotz dieser scheinbar übermächtigen Maschinerie, die uns jagt. Da bin ich stolz drauf, und das habe ich nicht alleine gemacht, sondern zu dritt. Und von den Dreien gibt es jetzt Einen nicht mehr, das ist ein Loch auch im eigenen Leben.

Was war Bernd für ein Mensch? Was prägte, was bewegte ihn?

Bernd war ein ganz sensibles Wesen, man hatte immer ein bisschen das Gefühl, man müsse ihn beschützen. Er war ja drei Jahre lang bei der Polizei, da hatte ihn die Familie rein gedrängt. Er hat da ersatzweise seinen Wehrdienst geleistet, da gab es damals so eine Modalität, und es wurde von ihm erwartet, dass er dabei bleibt und Karriere macht. Aber Bernd hat das überhaupt nicht ausgehalten, diese ganze Brutalität und den Zwang zur Unterwerfung die dort herrschen, und hat es dann so hingedreht, dass er aus Gesundheitsgründen ausscheiden musste und noch eine schöne Abfindung bekam. Danach hat er eine Weile lang eine Kneipe gemacht, bisschen studiert, Musik gemacht, und irgendwie war ihm klar, dass er sich nicht einfach in die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse integrieren konnte, dass ihm zu Vieles falsch erschien und er nicht Teil davon sein wollte. Bei bei den Autonomen hat er eine kulturelle Heimat für diese Sehnsucht gefunden. Das hat ihm gut gefallen, eine feste Gemeinschaft zu haben und einen Sinn im Leben, sich aktiv gegen die gesellschaftlichen Missstände zu engagieren. Er war sehr moralisch, also das Gegenteil von jemandem, der nach aussen einen Anspruch vertritt, aber zu hause ganz was anderes lebt. Bernd war es immer ganz wichtig, die politischen Postulate auch privat umzusetzen. Er hat aus Prinzip immer ganz bescheiden gelebt, bis zum Schluss wollte er keinesfalls einen besseren Lebensstandard haben als seine Nachbar*innen im Barrio, auch wenn er sich das dank seiner Freundschaften in Deutschland hätte leisten können. Die meiste Zeit hat er als Drucker gearbeitet. Bernd war Mitglied in der sozialistischen Einheitspartei PSUV, er hat sich da bis zum Ende engagiert auf der Ebene von Basisorganisation im Stadtteil, obwohl er von der Entwicklung der Partei wir wir alle enttäuscht war. Er hat das trotzdem weiter gemacht, vielleicht auch weil ihn, im Unterschied zu mir etwa, die „grossen“ Lösungen gar nicht so sehr interessiert haben. Er wollte einfach das tun, was er als korrekt empfand, nicht um irgend was dafür zu bekommen oder toll da zu stehen, sondern einfach, weil es für ihn stimmte. Wolf Dieter Vogel hat das in seinem Nachruf sehr schön auf den Punkt gebracht: Das Richtige tun, ohne sich damit wichtig zu machen. Besser kann man sein Wesen nicht zusammenfassen.

Etwa zwei Jahre musste Bernd nach seiner Festnahme 2014 unter schlimmen Bedingungen im Knast verbringen, die längste Zeit in „Helicoide“, einem berüchtigten Gefängnis des Geheimdienstes in Caracas. Wie war das für ihn, was hat er darüber berichtet?

Also in Venezuela inhaftiert zu werden, das ist ja nun wirklich etwas, was man vermeiden möchte, das wünscht man seinem schlimmsten Feind nicht. Man ist vollkommen der Willkür des Personals ausgeliefert, die Einrichtungen sind nicht für so viele Menschen ausgelegt, es gibt keine regelmässige Versorgung mit Essen, über die Hygiene reden wir lieber gar nicht. Dafür hat er berichtet, dass die Gefangenen untereinander erstaunlich solidarisch waren. Wenn einem von aussen kein Essen gebracht wurde, dann wurde geteilt, was da war. Die Verlegung in das Helicoide war ja sogar eine Verbesserung, das war die Reaktion der Regierung auf eine Petition von Intellektuellen, Bernds Fall endlich zu behandeln. Davor war er teilweise gar nicht in einem richtigen Knast, sondern wurde im Büro der Interpolabteilung von Caracas festgehalten. Da sass er tagsüber auf einem Stuhl, nachts lag er auf einer Matratze, immer mit Handschellen an ein Geländer gefesselt. Seine Freundin Gloria war nach Caracas gezogen und hat ihm jeden Tag das Essen gebracht, zwei Jahre lang. Ein wahnsinniger Einsatz. Der Oberste Gerichtshof hatte eine Frist von 30 Tagen, um über seine Auslieferung zu entscheiden, aber sie haben sich 15 Monate lang damit Zeit gelassen. Als sie sich endlich bequemt haben, über seinen Fall zu beraten, kamen sie schnell überein, dass eine Auslieferung nicht in Frage kommt, weil die Vorwürfe nach venezolanischem Recht schon lange verjährt waren. Trotzdem sass er nach dem Urteil weitere sieben Monate im Helicoide ein, einfach so, ohne jede rechtliche Grundlage, man wollte ihn einfach nicht entlassen. Erst nach parteiinternem Druck kam er schliesslich raus. Es waren vor allem diese letzten Monate, die ihm zu schaffen gemacht haben, das tägliche Warten darauf, endlich raus zu kommen, das vollkommene Ausgeliefertsein an die Willkür der Büttel. Die Erfahrung völliger Rechtlosigkeit. Der Knast hat ihm schlimm zugesetzt, er kam anders da raus, als er reingegangen ist. Die spontane Fröhlichkeit, die ihm immer eigen war, wurde von da an seltener.

Wie fing alles an mit Euch dreien? Wie und wo habt Ihr Euch kennengelernt?

Peter kommt zwar aus dem gleichen Dorf wie ich, aber wir haben uns erst in Berlin kennen gelernt, als ich eine Meldeadresse brauchte, um mich dem Wehrdienst zu entziehen. Damals war bei ihm schätzungsweise eine halbe Kompanie polizeilich gemeldet, lauter potentielle Soldaten aus Westdeutschland, die keine Lust auf’s Strammstehen hatten. Weil wir auch beide Schreiner sind, haben wir bald mehr zusammen gemacht.

Bernd hat so um 1986 herum eine Bleibe gesucht und er zog bei mir im Haus ein. Wir haben mit anderen zusammen ein Wohnprojekt gemacht und fast alles gemeinsam organisiert – Geld, Essen, Politik. Wir haben zum Beispiel das Kind einer Mitbewohnerin gemeinsam aufgezogen, jedeR war für einen Tag in der Woche zuständig. Unsere Auftritte beim Elternabend waren stest berüchtigt, wenn statt einem oder zwei gleich fünf Erziehungsberechtigte erschienen. Später ging das Wohnprojekt ein, aber Bernd und ich sind zusammen geblieben.

Alle drei waren wir Teil der „Autonomen“. Wir waren politisch aktiv zu allen möglichen Themen, haben Demos mitorganisiert, Knastarbeit gemacht, uns gegen Nazis gewehrt usw. Die autonome Bewegung war ein ausgeprägt integraler Lebensentwurf, kulturell, sozial und politisch, da wurde nicht viel getrennt zwischen privat und öffentlich. Ein gemeinsamer Schwerpunkt von uns dreien war, unsere Position als Männer zu hinterfragen, eigene patriarchale Strukturen zu verändern. Das klingt heute vielleicht banal, weil da ja viel passiert ist in den vergangenen Jahren, aber in der vom Stereotypen des vermummten männlichen Strassenkämpfers geprägten Subkultur der 80er war das ein wichtiger Ansatz. Wenn wir mit unserem Transparent „Müssen Männer Macker sein?“ auf einer militanten Antifademo in Schwedt mitglaufen sind, hat das möglicherweise beim ein- oder anderen sogar Denkprozesse ausgelöst. Das hoffe ich zumindest.

Nach dem gescheiterten Anschlag von Berlin-Grünau 1995 musstet Ihr untertauchen. Wo hat es Dich in den Jahren danach hingeführt? Warum seid Ihr schließlich in Venezuela gelandet?

Das war eine lange Reise kreuz und quer durch den Kontinent, oft jeder für sich, zeitweise mal zwei zusammen. Immer wieder gab es irgendwo Probleme und man musste weiter, oder die Beteiligung an einem politischen oder sozialen Projekt war an einem toten Punkt angelangt, und man wollte was neues probieren. Nach Venezuela sind wir gekommen, weil sich das Land damals im Aufbruch befand, es gab eine tolle Dynamik, wir wollten dabei sein, und natürlich versprachen wir uns auch einen gewissen Schutz davon, in einem „sozialistischen“ Land zu leben. Aber das zentrale Motiv war, dass wir nach vielen Jahren, wo jeder für sich selbst dahingelebt hatte, wieder zusammen kommen wollten. Wir wussten, was wir aneinander haben, trotz aller Unterschiede, und wollten uns gegenseitig in der Nähe haben. So eine Geschichte wie unsere verbindet einfach. Und Venezuela bot damals die besten Voraussetzungen dafür.

Du musstet wie Bernd und Peter unter falschem Namen, mit einer falschen Identität und Biographie leben. Dass Linke aus der BRD als politisch Verfolgte im Exil leben müssen, ist ja zum Glück sehr selten geworden. Wie muss man sich das konkret vorstellen? Was bedeutete dieses Leben und das ständige Verstellen für Dich?

Als die Entscheidung stand, wo wir hingehen wollen, brauchten wir natürlich Papiere, um dort hin zu kommen. Damals war das alles ja noch etwas einfacher als heute, wo Ausweise so gut wie fälschungssicher sind. Damals nahm man den Pass einer Person, bei der Grösse, Hautfarbe und Alter so habwegs zu einem selbst passten, tauschte das Bild aus und machte den Ausschnitt des Stempels nach, der das Bild bedeckt. Kunsthandwerkliche Arbeit, nicht ganz einfach, aber machbar für Leute, die sich die Zeit nehmen, sich da reinzuknien. Und dann brauchte es auch noch Geld, denn auch wenn Menschen bereit sind, dich irgendwo unterzubringen, heisst das noch nicht, dass sie dir auch gleich einen Arbeitsplatz zur Verfügung stellen. Für unseren Lebensunterhalt mussten wir schon selbst aufkommen, und das hiess, dass wir einen ziemlichen Batzen Überbrückungsgeld“ brauchten, bis wir auf eigenen Füssen standen. Zum Glück gab es damals genug Leute, die bereit waren, zu spenden, das war bei uns nie ein Problem. Und nach einer Weile waren wir ja auch alle selbstständig, auch wenn es immer mal wieder Situationen gab, wo das selbst verdiente Geld nicht gereicht hat. Ich hatte mich dafür entschieden, zu einer linken Organisation in Lateinamerika zu gehen, wo ich auch weiterhin politisch tätig sein könnte. Das war mir persönlich sehr wichtig, weiterhin aktiv zu sein und nicht einfach nur zu überleben. Auch wenn das „Sich nicht erwischen lassen“ an sich ja auch schon so was wie eine politische Handlung ist. Also war ich sehr schnell integriert, zumindest was die äusseren Bedingungen betrifft. Mit der sozialen Integration hat das allerdings viel länger gedauert. Ich habe überall mitgemacht, meine Kenntnisse und Erfahrungen eingebracht und versucht, von den Leuten zu lernen. Die waren auch alle sehr lieb und haben fast alles mit mir geteilt. Trotzdem bin ich immer etwas fremd geblieben. Im Geist war ich oft in meinem alten zuhause, und das war bestimmt nicht förderlich dafür, vollständig anzukommen. Ich konnte das schlecht vergessen, hatte immer irres Heimweh. Ich denke, das war bei mir auch Teil von meiner ganz persönlichen Überlebensstrategie, dass ich mir immer gesagt habe: „Ich bin Teil einer Bewegung, auch wenn ich dort jetzt nicht sein kann, gehöre ich doch dazu. Weder räumliche noch zeitliche Entfernungen können daran was ändern.“ Das hat mir zwar viel Stärke gegeben, aber auf der anderen Seite hat es meine Integration nicht einfacher gemacht. Bernd hatte es da leichter, der hat sich immer sehr schnell anpassen können und sich heimisch gefühlt.

Sich immer verstellen zu müssen, damit die Legende nicht auffliegt, ist anstrengend. Anfangs mag das noch eine gewisse Romantik haben, es ist aufregend, aber das vergeht schnell und nervt dann nur noch, besonders wenn man Menschen kennenlernt, die man gerne mag und ihnen etwas vorlügen soll. Aber wir haben das eigentlich eher liberal gehandhabt: Wenn wir jemanden gerne mochten und einen gewissen Grad an Vertrautheit erreicht hatten, haben wir ziemlich bald unsere wahre Geschichte erzählt und darauf gesetzt, dass die uns schon nicht verpfeifen würden. Das scheint auch funktioniert zu haben. Zwar sind sie Bernd irgendwann auf die Spur gekommen, aber die Ursache scheint nicht die Indiskretion einer befreundeten Person gewesen zu sein, sondern eher was anderes. Genau wissen werden wir das aber wahrscheinlich nie.

Ihr hattet Unterstützer*innen, die Euch in dieser schwierigen Zeit geholfen haben. In einem Radiofeature hast Du gesagt, Du hättest da mit „den Besten“ zu tun gehabt. Wie meintest Du das?

In der Regel gibt es ja immer jemanden, der dich empfängt, wenn du als Gesuchter irgendwo hin kommst. Du gehst schliesslich nicht einfach so irgendwo hin, wo du niemanden kennst, sondern wirst meist jemandem empfohlen. Zumindest bei uns war das fast immer so. Das ist ja auch gut für deine „Legende“, wenn es vor Ort jemanden gibt, der oder die für dich bürgt. Das macht es viel einfacher, irgendwo rein zu kommen. Ob diese Leute dich dann auch weiterhin begleiten, das steht auf einem anderen Papier. Ich habe da auch schlechte Erfahrungen gemacht, also dass wir bei Leuten aufgetaucht sind, die sagten, sie wollen uns helfen, und dann hat sich aber herausgestellt, dass wir für die einfach nur unbequem waren, heisse Kartoffeln, die sie wieder loswerden wollten. In anderen Fällen haben die Leute, bei denen einer von uns angekommen ist, ihn dann jahrelang begleitet und unterstützt. Unterschiedlich also. Mit den „Besten“ meinte ich, dass in der Regel Leute gefragt wurden, ob sie uns helfen können, die selbst eine lange, linke Geschichte haben, denn wenn jemand nach Jahrzehnten immer noch die gleichen Ideale vertritt, kann man sich ziemlich sicher sein, dass sie oder er auch heute noch solidarisch ist. So haben wir wirklich tolle Menschen kennengelernt, die oft eine unglaublich kämpferische Geschichte hatten. Das hat uns ein Bild davon gegeben, wie viele Leute es eigentlich gibt, die was anderes wollen als die aktuelle, kapitalistische Gesellschaftsordnung. Das vergisst man ja leicht, wenn man ständig von den Medien bombardiert wird, wie sinnlos es doch sei, sich etwas anderes zu erträumen als Eigennutz und Konsum.

Venezuela war da eigentlich eine Ausnahme, hier kannten wir anfangs niemanden. Hier war das auch nicht so wichtig, es war Aufbruchstimmung, Revolution in aller Munde, da haben wir erst mal sowieso gut rein gepasst. Mit den Jahren hat sich auch hier ein Kreis herausgebildet, der uns unterstützt, aber das hat sich eher aus unseren sozialen Beziehungen entwickelt. Als Bernd 2014 verhaftet wurde, wusste ich erst mal gar nicht, was jetzt tun. Ich dachte zuerst, ich sei völlig auf mich allein gestellt, aber da kamen dann ganz schnell Leute und haben Hilfe angeboten. Obwohl wir zu dem Zeitpunkt schon längst nicht mehr mit einer Verhaftung gerechnet hatten und keine entsprechenden Vorkehrungen getroffen hatten, entstand ganz spontan und in recht kurzer Zeit eine konkrete Unterstützung. Das war eine gute Erfahrung. Natürlich war das nicht bei allen so, es gab auch Leute, mit denen ich befreundet war, die haben ganz schnell dicht gemacht, als sie von unserer Geschichte erfuhren, von wegen „mit so jemanden will ich nichs zu tun haben“. Da trennt sich schnell die Spreu vom Weizen.

Was die langjährigen Freund*innen und Mitstreiter*innen in Deutschland angeht, ist die praktische Unterstützung über die Jahre hinweg natürlich immer weniger geworden, weil wir unabhängiger wurden. Schriftlich haben wir aber immer Kontakt gehalten, wir hatten uns dafür ein absolut „wasserdichtes“ Kommunikationssystem geschaffen. Und als Bernd verhaftet wurde, waren die Genoss*innen auch so gut wie alle gleich wieder zur Stelle, das war grossartig. Es ist schon was besonderes, wie diese Leute all die Jahre bei der Stange geblieben sind, da hatten wir wirklich ein grosses Glück! Ich denke nicht, dass es vielen anderen in vergleichbaren Situationen damit so gut ging, wie uns. Das ist wirklich ein Privileg, und das ist bestimmt auch ein Ergebnis dieser integralen Zusammenhänge, die wir gelebt haben, dieser Ansatz von persönlichem, widerständigem, politischem Lebensversuch.

Ihr seid von den deutschen Sicherheitsbehörden zu „Terroristen“ erklärt und mit obsessiven Aufwand um die halbe Welt gejagt worden. Eure Verwandten und Freunde wurden observiert, Wohnungen durchsucht und Zeitungsredaktionen auf der Suche nach Bekennerschreiben, die Telefonate von Anwälten abgehört. In der ZDF-Sendung „Aktenzeichen xy… ungelöst“ wurde öffentlich nach Euch gefahndet. Das Bundeskriminalamt schickte nach einem vagen Hinweis zwei Zielfahnder nach Ägypten. Wie erklärst Du Dir diesen Aufwand? Ist das Rachsucht des Staates, will man an Euch ein Exempel statuieren?

Ich habe das eigentlich nie so richtig nachvollziehen können. Ich nehme an, dass sie sich anfangs ziemlich sicher waren, dass sie uns bald haben würden, denn schließlich waren wir keine Profis mit irgendeiner hochkarätigen Organisation dahinter, sondern eher so ein paar lebenslustige Haurucks aus der Szene. Da haben sie sich ja selbst noch drüber lustig gemacht, was wir für Pfosten seien, und haben die für unseren Fall eingerichtete Sonderkommission „Osterei“ genannt. Ich könnte mir vorstellen, dass es sie geärgert hat, dass sie uns nach ein paar Jahren immer noch nicht gefunden hatten und sie sich da irgendwie in die Sache verbissen haben. Vielleicht ist das dann zum Selbstläufer geworden: Nachdem sie wegen uns wahnsinnig viele Steuergelder verschleudert hatten, ohne Ergebnisse vorweisen zu können, mussten sie uns dann zu den „Meistgesuchten“ hochstilisieren, um ihren Einsatz zu rechtfertigen.

Und schliesslich darf man auch nicht vergessen, dass wir damals so was wie „die letzten Mohikaner“ waren. Die revolutionäre Linke hatte in diesen Jahren nach dem Mauerfall ihrer Militanz eher abgeschworen und man darf gestrost annehmen, dass die Bullen einfach ihre Budgets erhalten wollten, indem sie weiterhin eine Gefährdung von links konstruierten, die es so (leider) ja gar nicht mehr gab.

Wie beurteilst Du heute die Aktionen der Gruppe K.O.M.I.T.E.E. von 1994 in Bad Freienwalde und von 1995 in Berlin-Grünau?
In Teilen der Linken wird die Militanzfrage noch diskutiert. Der US-Theoretiker Joshua Clover prognostizierte 2016 eine Zeit der immer stärker aufflammenden Riots. Der schwedische Humanökologe Andreas Malm stellte das Dogma der Gewaltlosigkeit im Kampf für die Rettung des Klimas in Frage. Wie siehst Du das Thema heute? Ist Gewalt gegen Sachen nicht gerechtfertigt, wenn man sich ansieht, wie gewalttätig das System ist, wie etwa der Staat hemmungslos in Kriegs- und Krisengebiete abschiebt wie nach Afghanistan?

Die Gewaltfrage ist der ewige Stein des ideologischen Anstosses der Linken, denn eigentlich wollen wir eine friedliche Gesellschaft. Da wir aber mit Gewalt daran gehindert werden, das umzusetzen, wirft das die Frage nach der Verteidigung auf, also der Gegengewalt. Diese theoretische Frage wurde eigentlich schon vor vielen Jahren beantwortet, nämlich mit der Formel: Wir wenden so wenig Gewalt an, wie möglich, um unsere Selbstbestimmung durchzusetzen, aber wir lassen uns unsere Kampfmittel nicht vom Gegner vorschreiben. Wo beispielsweise ein Ziel durch Sitzblockaden erreicht werden kann, weil die Bewegung riesig ist und der Gegner sich im Legitimationskonflikt befindet, wäre es falsch, zu militanten Mitteln zu greifen. Wichtig ist, dass die Entscheidung, welche Methoden der jeweils aktuellen Situation angemessen sind, nicht Einzelnen überlassen werden darf, sondern so weit wie möglich Konsens in der Bewegung sein soll.

Zurück zu Eurem Leben im Exil. Bernd hat 2016 in Venezuela den Flüchtlingsstatus offiziell beantragt, Peter und Du 2017. Das hat Euch ermöglicht, wieder legal und unter Euren richtigen Namen in Mérida zu leben, Kontakt zu Verwandten und Freunden zu haben. Wie war das für Dich, als all das wieder möglich war?

Das war eine Erleichterung, die ich kaum beschreiben kann, und die ich auch nicht so erwartet hatte. Peter und ich hatten lange gezögert, den Schritt zu tun und uns der Flüchtlingsbehörde anzuvertrauen. Als Illegale waren wir ja halbwegs sicher, und hatten unser Schicksal weitgehend selbst in der Hand. Zwar hatte Monate nach Bernd’s Verhaftung eine Gruppe Fahnder, wahrscheinlich mit deutscher Unterstützung, in Mérida nach mir gesucht, aber dank unserer sozialen Einbettung wurden wir schnell gewarnt und ich konnte mich absetzen. Wenn wir aber unsere wahre Identität preisgeben würden, wären wir der staatlichen Willkür ausgeliefert. Nachdem Bernd gerade zwei Jahre ohne rechtliche Grundlage im Knast verbracht hatte, war das Misstrauen gross. Wir haben uns dann doch dazu durchgerungen in der Hoffnung, dass sich dadurch neue Optionen ergeben könnten. Wirklich passiert in Bezug auf unseren Aufenthaltsstatus ist seitdem nichts, aber die emotionale Befreiung, die das auslöste, war immens. Endlich konnte ich wieder Kontakt mit all den Menschen aufnehemen, die ich so lange vermisst hatte. Ich hatte ja in den Anfangsjahren unserer Flucht noch versucht, sporadischen Kontakt zu meiner Familie zu halten, aber nachdem sich mein Vater am (abgehörten) Telefon nicht zurückhalten konnte und dadurch eine erneute Hausdurchsuchung und verschiedene Zeugenvorladungen ausgelöst hatte, habe ich das eingestellt. Ich wollte ja nicht die Leute gefährden, die uns so selbstlos unterstützten. Aber jetzt ging das alles plötzlich wieder. Mein dementer Vater hat mich bei unserem ersten Skype Telefonat leider nicht mehr erkannt. Er sagte zu meiner Mutter, die daneben sass: „Das kann ja jeder sagen, dass er unser Thomas ist.“ Als ich ihm das ein- oder andere Liedchen vorgeträllert habe, das er uns als Kindern am Bett gesungen hatte, gab es allerdings doch ein gewisses emotionales Wiedererkennen, und er brummelte die Melodien mit. Andere wussten aber sehr wohl noch, wer ich bin, und haben nicht davor zurückgescheut, mit einem „Terroristen“ offen Kontakt aufzunehmen, weil ihnen unsere Freundschaft wichtiger war als mögliche Repressalien. Tatsächlich hat es die nach meinem legalen Auftauchen in Venezuela auch nie wieder gegeben. Und neue Freundschaften sind dazu kommen, die sich auch nicht von einer potenziellen Belästigung durch das BKA abschrecken liessen, wie Pablo „Mal Élevé“ von der aufgelösten Gruppe Irie Revoltés, mit dem ich bald darauf ein Musikprojekt angefangen habe.

Wie lebst Du heute in Mérida?

Sehr gut eigentlich. Ich lebe auf dem Land in netter Umgebung, habe alles, was ich brauche, habe Leute, die mich mögen, bin gesund. Ich weiss nicht, ob man vom Leben viel mehr verlangen soll. Von der desolaten Situation des Landes sehe ich durchaus auch die positiven Aspekte, nämlich die einer unbeabsichtigten Décroissance. Als notorischer Radfahrer zum Beispiel geniesse ich durchaus die autofreien Strassen infolge der Benzinknappheit. In meinen ersten Jahren in Mérida waren Fahrräder so selten, dass man sich euphorisch grüsste, wenn einem ein Radlerkollege entgegenkam. Heute wäre das peinlich und man käme aus dem Winken nicht mehr heraus, denn alle haben ihre Drahtesel aus dem Keller geholt und wieder gangbar gemacht. Sehr viele Leute gehen zu Fuss, aus Not zwar, aber in einer traditionell übergewichtigen Bevölkerung, wo man früher Treppensteigen als Zumutung betrachtete, ist das ein Fortschritt. Das notorische Heimweh, das mich jahrzehntelang geplagt hat, ist verflogen. Meine Beziehungen zu Menschen in Deutschland sind zwar weitgehend digital, aber das tut deren Qualität keinen wesentlichen Abbruch. Und mal ganz im Ernst: Während der Corona-Pandemie hätte ich auch wirklich nicht in Berlin leben wollen. Bei uns hier auf der Scholle haben wir davon eher wenig mitbekommen.

Du kommst aus dem baden-württembergischen Sinzheim nahe Baden-Baden. Willst Du dorthin zurück oder in Venezuela bleiben?

Wenn mein Haftbefehl aufgehoben würde, stände ich mit Sicherheit zwei Tage später dort vor der Tür. Meine Eltern leben noch, und ich würde versuchen, so gut wie möglich etwas von dem Leid wett zu machen, das sie wegen mir durchgemacht haben. Aber ob ich dort dauerhaft leben wollte, das weiss ich wirklich nicht. Ich denke eher, dass ich nach so vielen Jahren lateinamerikanischer Kulturdurchdringung nicht mehr recht mit einem Leben in Deutschland kompatibel bin. Und es gibt ja hier trotz allem Chaos auch durchaus einige sehr sympathische Aspekte. Das müsste ich ausprobieren, das könnte ich jetzt gar nicht sagen.

In der BRD würdet Euch momentan aber noch eine Verhaftung und ein Prozess erwarten. Die Vorwürfe gegen Euch sind zwar fast durchweg verjährt. Aber die Bundesanwaltschaft wendet auf Euch den Paragraphen 30 des Strafgesetzbuches an, der die Verabredung zu einem Verbrechen unter Strafe stellt. Da ist die Verjährungsfrist 40 Jahre, läuft in Eurem Fall 2035 ab. Es gab auch schon Verhandlungen mit dem GBA, ein Deal scheitere aber. Warum?

Die BAW lehnte 2018 eine neue Verhandlung kategorisch ab, das kam von ganz oben und den Grund kann ich dir nicht sagen. Davor hatte es im Laufe der Jahre schon zweimal Verhandlungen gegeben, die aber zu keinem Ergebnis kamen.

Wie verfolgst Du die politische Lage in der BRD wie stellt Sie sich aus der Ferne für Dich da?

Ich habe Internet, ein paar Abos, unter anderem von eurer Zeitung, und halte mich so einigermassen auf dem Laufenden. Die Situation der systemkritischen, radikalen Linken scheint aus der Ferne gesehen desolat zu sein, von Angst geprägt und ohne einen positiven eigenen Gesellschaftsentwurf jenseits von Kapitalismus und starkem Staat. Die Integration dieser ehemals antagonistischen Bewegung ins System scheint sehr weit fortgeschritten. Mal sehen, wie sich das entwickelt, wenn wir erstmal eine grüne Kanzlerin haben und dann vielleicht eine ehemalige Hausbesetzerin für die innere Sicherheit zuständig ist. Aber das ist ein weites Feld. Vielleicht sollte ich mir dazu gar kein Urteil erlauben, so lange ich an der Entwicklung nicht aktiv beteiligt bin.

Bernd ist tot

Bernd Heidbreder ist gestorben. Innerhalb von nur drei Wochen hat ein schnell wachsender Hirntumor sein Leben genommen. Bernd war einer von uns dreien, denen von der deutschen Justiz vorgeworfen wird, 1995 in Berlin Grünau versucht zu haben den Bau eines Abschiebegefängnisses zu verhindern. Die Gefährdung von Menschen war sorgfältig ausgeschlossen worden, nur die Struktur des Gebäudes sollte so nachhaltig geschädigt werden, dass der Abriss unumgänglich wäre. Es kam nicht dazu, der Plan flog auf, bevor er ausgeführt werden konnte. Wir tauchten ab und werden seitdem per internationalem Haftbefehl gesucht. Als die Vorwürfe der Bildung einer terroristischen Vereinigung und der Vorbereitung eines Sprengstoffanschlags zu verjähren drohten, zauberte die Bundesanwaltschaft einen neuen Vorwurf aus dem Hut: Nicht der versuchte Anschlag selbst, sondern die „Verabredung“ dazu sollten jetzt verfolgt werden, und dank eines juristischen Taschenspielertricks konnte die Verjährungsfrist auf insgsamt 40 Jahre ausgedehnt werden. 2014 wurde Bernd in Venezuela festgenommen, und obwohl der Oberste Gerichtshof seine Auslieferung nach Deutschland ablehnte, weil die Vorwürfe nach venezolanischem Recht längst verjährt waren, blieb er zwei Jahre lang ohne rechtliche Grundlage und unter menschenunwürdigen Haftbedingungen eingesperrt.
Danach war er nie wieder der selbe. Deutschland entzog ihm die Staatsbürgerschaft, weil er angeblich eine zweite Staatsbürgerschaft angenommen habe: Die falschen Papiere, mit denen er in Venezuela gelebt hatte, wurden vom Bundesverwaltungsgericht so behandelt, als wären sie echt. Venezuela, wo er Asyl als politisch Verfolgter beantragt hatte, gab ihm nie irgendeine Sicherheit für seine Zukunft, der Asylantrag wurde nie behandelt. Nicht einmal die Rote Auschreibung von Interpol wurde aufgehoben, was zur erneuten vorübergehenden Festnahme führte.
Diese Situation der ständigen Ungewissheit hat Bernd zermürbt. Es ist schwer, einen Zusammenhang zwischen psychischer Verfassung und körperlichen Gebrechen nachzuweisen, aber für uns, die wir seit seiner Entlassung mit ihm gelebt haben, ist die Verbindung offensichtlich.
Schon in den letzten Zügen liegend erfuhr Bernd noch, dass die CCF (Comission for the Control of Files) von INTERPOL die Rote Ausschreibung gegen ihn aufgehoben hat, weil sie nicht den Statuten der Organisation entspricht und offensichtlich willkürlichen Verfolgungsintressen der deutschen Behörden diente. Reichlich spät. Am 26 Mai fiel Bernd ins Koma, nachdem er nach einer Notoperation nochmal für zwei Tage bei Bewusstsein war. Am 27 Mai ist er gestorben. Er hat wenig gelitten.
Die Bundesanwaltschaft darf sich die Hände reiben. Auch wenn sie seiner nie habhaft werden konnte, hat sie doch ihr Ziel erreicht: ein weiterer aktiver Gegner des kapitalistischen Systems ist ausgeschaltet.
Bernd, ein sensibler und durch und durch friedfertiger Mensch, hat stets am Aufbau von egalitären Strukturen von Arbeit und sozialer Organisation mitgewirkt. Er verachtete den Konsumismus und lebte aus Prinzip immer in bescheidenen Verhältnissen. Die meiste Zeit hat er als Drucker gearbeitet.
Ich bin immer noch dabei zu versuchen, diesen Verlust zu verarbeiten. Zu überstürzt war alles um wirklich zu begreifen, dass er nicht mehr da ist. Es bleibt der Trost, so viele Jahre des Kampfes für eine gerechtere Gesellschaft mit ihm geteilt zu haben. Ich will versuchen, ihn durch mein eigenes Leben zu ehren. Hasta siempre, compañero!

Die Red Flag von Interpol wurde gelöscht!

Die „Comission for the Control of Files“ (CCF) von Interpol hat der Beschwerde des Rechtsanwalts Benjamin Derin stattgegeben und die Rote Ausschreibung (Red Flag) gegen Thomas Walter, einem der Verfolgten im k.o.m.i.t.e.e.-Verfahren, zurückgenommen. Begründung ist das laufende Asyl-Verfahren in Venezuela. Das annuliert nicht den Haftbefehl des Bundesgerichtshofes, aber die Fahndung ausserhalb Europas muss jetzt eingestellt werden. Wegen dieser Red Flag war zuletzt Peter Krauth für vier Monate unter unmenschlichen Bedingungen im Interpol-Büro in Caracas gefangen gehalten worden, bis der Oberste Gerichtshof Venezuelas seine Freilassung anordnete. Dass die Rote Ausschreibung annulliert wurde, ist ein ungewöhnlicher Erfolg. Üblicherweise übernimmt Interpol alle Fahndungen eines Mitgliedstaates ungefragt, wodurch die Roten Ausschreibungen oft zu einem Instrument politischer Verfolgung werden. Dass ausgerechnet eine von Deutschland veranlasste Fahndung gelöscht wird ist umso überraschender wenn man bedenkt, dass der aktuelle Interpol-Chef ein deutscher Polizeibeamter ist. Die CCF räumt mit dieser Entscheidung ein, dass die internationale Fahndung gegen die drei Beschuldigten seit Jahren unrechtmäßig war.
Bernhard Heidbreder, der dritte Beschuldigte im k.o.m.i.t.e.e.-Verfahren, hat gegen die Rote Ausschreibung von Interpol ebenfalls Beschwerde eingelegt. Die Bearbeitung steht noch aus, aber da es sich um den gleichen Sachverhalt handelt, wird eine gleichlautende Entscheidung erwartet.
Was bleibt ist die Frage, warum die die deutsche Bundesanwaltschaft nach wie vor ihren Verfolgungswahn kultiviert und weiterhin eine Fahndung betreibt wegen einer Aktion, die nie stattgefunden hat, und deren Strafverfolgung nach gängigen juristischen Regeln schon längst verjährt wäre.

Links, links, ein Hut, ein Stock, ein Regenschirm…

Was ist los mit der radikalen Linken in Deutschland? Da ist man mal eben für ein, zwei Jahrzehnte ausser Haus, und wenn man wieder auftaucht, findet man so was vor. Revoluzzer, die offenbar nur ihr angestammtes Terrain verteidigen, unfähig zu jeder Politik oder der Vemittlung ihrer Ideen in Kreise ausserhalb der eigenen Blase. Verlautbarungen, bei denen man sich erst noch mal vergewissern muss, ob sie denn nicht aus der Presseabteilung eines Ministeriums stammen. Und eine wilde Hatz auf jede Abweichung vom täglich neu festgelegten Gutmenschsprech. Bei jedem Versuch, zu einer Position zu kommen, betritt man ein begriffliches Minenfeld. So bleibt man am Ende lieber stehen, wo man ist, aus Angst, eine der Abkürzungen für unzählige identitätspolitische Klassifizierungen falsch wieder zu geben. Wollen wir so die bestehenden Verhältnisse umwälzen? Wollen wir denn überhaupt noch Verhältnisse umwälzen?

Was genau als „links“ zu gelten hat, kann man natürlich schlecht definieren. „Links“ ist eine Richtungsangabe. Wichtig ist in erster Linie zu bestimmen, was denn am Ende dieser Richtungen steht, also ganz weit links und ganz weit rechts. Und irgendwo dazwischen positioniert man sich, also „links von…“ oder „rechts von…“ Dann gibt es natürlich auch noch diejenigen, die meinen, das Rechts-Links-Schema sei überholt. Aber wenn man sich deren Argumente anhört, stellt man schnell fest, dass sie selbst sich sehr wohl im Schema befinden, und zwar eher rechts, was sie jedoch lieber nicht sagen wollen. Bisher gab es aber durchaus einen gemeinsamen Nenner, was denn als „radikal links“ zu gelten habe. Und zwar die Ablehnung des herrschenden kapitalistischen Systems, inklusive seiner verschiedenen Nuancen von Unterdrückung und Ausbeutung. Radikal links zu sein sollte also eigentlich heissen, dass man sich ausserhalb der bestehenden Gesellschaftsordnung positioniert. Aber stimmt das denn noch?

Ein wesentlicher Teil der ehemaligen radikalen Linken hat sich eindeutig vom Systemwechsel losgesagt, obwohl sie nach wie vor das Prädikat „linksradikal“ für sich reklamieren. Sie sehen sich heute als integraler Bestandteil der vom Markt bestimmten Gesellschaftsordnung, in der Art eines fortschrittlichen Korrektivs eines im Allgemeinen akzeptierten Systems. Das lässt sich schön darstellen am doppelten Bildersturm auf das Reichstagsgebäude. Während einer Corona-Demo erklomm eine Gruppe von Nazis die Treppe des symbolischen Zentrums der politischen Macht und schwenkte ihre Fähnchen. Man könnte sich noch fragen, was sie damit wollten, ob sie den Reichstag wieder mal niederbrennen wollten wie 1933 oder einfach nur ihren Anspruch auf die Führung des Landes darstellen wollten. Geschenkt, die Beweggründe von Nazis sollen uns hier nicht weiter interessieren. Aber jetzt kommt’s: Tags darauf titelte die taz, die sich schon seit längerem für ihre künftige Rolle als Regierungsblatt warm spielt, mit der Hymne der Hausbesitzer*innenbewegung Anfang der 80’er Jahre: „Das ist unser Haus!“ Gemeint war diesmal der Sitz des Parlaments. Geschrieben wurde das Stück jedoch von Ton Steine Scherben anlässlich der Besetzung des Georg von Rauch Hauses, benannt nach einem Aktivisten, der von Polizisten getötet wurde. Auch das ein Bildersturm, diesmal aber von links: Die vermeintlichen Erben der Bewegung bemühen ein Symbol des Kampfes gegen Staat und Kapital, um ihr eigenes Angekommensein im Zentrum der Macht zu rechtfertigen. Kein Protest regte sich aus der linksradikalen Szene. Die Umwidmung schien akzeptiert zu werden. Wichtiger als symbolpolitisches Erbsenzählen scheint den heutigen Radikalen die Einheit gegenüber dem eigentlichen Feind zu sein: Rechtsradikale und Aluhüte.

Was aber ist mit denjenigen, die den Sturz der Verhältnisse nach wie vor auf ihren schwarz-roten Fahnen tragen? Die, die immer noch die Umwälzung der Verhätnisse hin zu einer selbstbestimmten Gesellschaft propagieren? Sie machen einen resignierten Eindruck. Die Gralshüter*innen der Revolution scheinen sich darin zu genügen, innerhalb der eigenen Kreise den aufrechten revolutionären Gang zu pflegen, ohne sich um ihre Ausstrahlung in den Rest der Gesellschaft allzu viele Gedanken zu machen. Ihnen geht es mehr um Haltung als um Handlung. Wichtiger als etwas zu erreichen ist es ihnen offensichtlich, selbst möglichst untadelig da zu stehen. Das ist sicher nicht ganz falsch, kein Mensch braucht schliesslich Leute, die anderen kluge Ideen predigen, die sie für sich selbst aber nicht nicht anwenden wollen. Aber ist da noch wirklich der Wunsch lebendig, etwas anderes auszuprobieren als das Etablierte? Der Mut, zu träumen? Oder gefällt man sich einfach in seiner Nische, die vom System toleriert wird, weil sie ihm nicht wirklich gefährlich werden kann und ihm dafür einen Anstrich von Toleranz verschafft?

Das kapitalistische Modell ist auf Dauer nicht haltbar. Es funktioniert nur, wenn es ständig expandiert. Man muss kein mathematisches Genie sein um zu verstehen, dass es in einem begrenzten Raum kein unbegrenztes Wachstum geben kann. Wir können also darauf warten, bis irgendwann die letzten Ressourcen verbraucht und die letzten Winkel des Planeten vergiftet sind, bis der ganze Laden schlicht nicht mehr bewohnbar ist, bevor wir anfangen uns darüber Sorgen zu machen, was da wohl falsch läuft. Oder wir können jetzt darüber nachdenken, ob es vielleicht noch eine andere Form geben könnte, wie man das Leben auf diesem Planeten organisieren könnte. Intelligent genug dafür wären wir. Das einzige was uns dafür fehlt, ist der Mut.

Die Unsichtbaren

Die Sieger schreiben die Geschichte, stand in meinem letzten Beitrag, ihre eigene und die der Besiegten. Aber wer schreibt eigentlich die Geschichte der Unsichtbaren? Der Nicht-Existierenden? All der vielen Menschen, die sich ausserhalb der staatlich definierten Legalität befinden? Wer schreibt die Geschichte der Nicht-Legalen?

Versteckt zu leben ist eine einsame Angelegenheit. Zum einen, weil man in der Regel in einem neuen, ungewohnten Umfeld klarkommen muss und vom Kontakt mit den vertrauten Menschen, den Freund*innen und der Familie abgeschnitten ist. Aber es ist auch ein einsames Leben, weil man sich als jemanden ausgibt, der man nicht ist. Man kann ja schlecht überall rumposaunen, dass man einen Hintergrund von juristischer Verfolgung hat. Da wäre man bald aufgeflogen. Also rückt man sich eine Geschichte zurecht, wer man ist und warum man gerade hier gelandet ist. Eine unpolitische Geschichte, die nicht viel Aufmerksamkeit erregt, mit der die Leute um einen herum gut leben können ohne allzu viele Fragen zu stellen. Dieses sich Verstellen ist die andere Einsamkeit, für mich war es vielleicht die Schlimmere.

Mit dem Verlust meiner Lieben ging ich um, indem ich ihn abkapselte. Ich tat alle diese Gefühle in eine Schachtel und schrieb darauf: „Nicht schütteln, erst öffnen bei wiedererreichter Legalität.“ Ich dachte mir, dass diese abgeschnittene Nähe zu Menschen eine von aussen gewaltsam hergestellte Unterbrechung sei, und deshalb nicht wirklich zählt. Niemand, der mich liebt, würde seine Zuneigung zu mir verändern, nur weil staatliche Behörden das anordnen. Und ich würde es genauso halten. Als ich eines Tages nach mehr als zwanzig Jahren den verstaubten Karton wieder öffnete, war natürlich doch nicht alles wie vorher. Wir alle hatten uns verändert und manches passte einfach nicht mehr zusammen. Aber in vielen Fällen konnten wir emotional tatsächlich einfach wieder da anknüpfen, wo wir stehen geblieben waren, bevor wir durch die Umstände getrennt wurden.

Für die andere, die politische Einsamkeit habe ich nie einen wirklich brauchbaren Umgang gefunden. Lange bevor ich selbst abtauchen musste hatte ich mich mit der Thematik beschäftigt. Ich fand es nicht akzeptabel, dass abgetauchte Genoss*innen einfach aus unserem Leben verschwanden. Ich wollte, dass sie Teil der Bewegung blieben. Uns gefiel das Beispiel der türkisch – kurdischen Genoss*innen, wo auf Demos nicht nur die Bilder der im Kampf Getöteten und der Gefangenen mitgeführt werden, sondern auch Tafeln mit den Namen der Illegalen, wo statt einem Foto ein schwarzer Kasten steht. Eine schöne Form zu sagen: „Ihr seid mit dabei.“ Als ich dann selbst illegal wurde, habe ich versucht, diesen Anspruch umzusetzen. Als Unsichtbarer irgendwie Teil der Bewegung zu bleiben, weiterhin Teil dessen zu sein, weswegen ich weg gehen musste. Ich bin damit vollkommen gescheitert. Weder gab es das Bedürfnis von Seiten meiner früheren Bewegung, noch fand ich Wege, um auf irgend eine Art Teil von etwas zu bleiben.

Aber vielleicht kann ich nachträglich noch etwas beitragen. Wir drei sind sicherlich keine Profis in Sachen klandestines Lebens, wir haben schliesslich in all den Jahren der Illegalität meist nicht konspirative Regeln in den Mittelpunkt unseres Handelns gestellt, sondern in erster Linie versucht, innerhalb der gegebenen Bedingungen halbwegs gut zu leben und auch Spass zu haben. Und vielleicht war es ja auch gerade diese Komponente, die uns so lange hat durchhalten lassen. Aber ein paar praktische Dinge haben wir natürlich doch gelernt. Ich würde gerne diese Erfahrung zur Verfügung stellen für andere, die auf Grund ihres politischen Engagements vor der Entscheidung stehen, entweder für unbestimmte Zeit in den Knast zu müssen, oder dauerhaft in die Illegalität zu gehen. Dass sich dieses Angebot an Linke richtet, sollte klar sein. (Rechte haben das sowieso nicht nötig: Im Fall der Fälle werden sie beim Abtauchen ja schliesslich direkt vom Verfassungsschutz unterstützt, wie beispielsweise die Killer des NSU, die jahrelang unter dessen schützender Hand unbehelligt morden durften.)

Es gab in jüngster Zeit Initiativen, die die Situation der Illegalität von linken Aktivist*innen beleuchten wollten. Leider bleiben die Beiträge im grossen und ganzen im Bereich der Befindlichkeiten, antatt praktisch zu werden. Wenn ich mir vorstelle, ich hätte vor 25 Jahren diese Materialien zur Verfügung gehabt, als ich in einer Berghütte sass und darüber nachdachte, ob ich es schaffen könnte, mein weiteres Leben in der Illegalität zu verbringen, dann vermute ich, dass mir diese Veröffentlichungen nicht gross weiter geholfen hätte. Es ist offensichtlich, dass die Kolleg*innen meinen, sie könnten zu viel verraten, wenn sie über konkrete Probleme reden. Die Scham ist verständlich, schliesslich will niemand dazu beitragen, dass die abgetauchten Genoss*innen aufgespürt werden können. Dabei ist die Faustregel dazu, was gesagt werden kann und was nicht, ganz einfach: Alles was der Gegner weiss kann und soll veröffentlicht werden. Man begeht keinen Geheimnisverrat, wenn man der Polizei Dinge sagt, die sie eh schon weiss. Aber man unterschlägt Informationen für die eigenen Leute, wenn man diese Sachen für sich behält.

In den bewegten Jahren meiner Politisierung war es gang und gäbe, praktisches Wissen über die Arbeitsweisen der Polizei weiter zu geben. In jeder gut sortierten Wohngemeinschaft lagen Raubdrucke mit Anleitungen dazu, wie man sich einer polizeilichen Observation entzieht, und in der „radikal“ konnte man sich daüber informieren, wie verschlüsselt kommuniziert wird. Gibt es so was noch in Deutschland, oder haben sich alle damit abgefunden, dass die Überwachungsdienste sowieso schon alles wissen?

Es geht mir bei dem Gedanken, konkret über Illegalität zu reden, nicht um Folklore. Nicht um romantisches Gehabe in der Art des Renegado im Kinofilm. Auch nicht um eine mystische Überhöhung in der Art der Stadtguerilla der Siebziger, die behaupteten, die Illegalität sei ein „befreites Gebiet“ innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft. Das ist Quatsch! Sich zu verstecken, kann ganz schön blöd sein. Da muss man nichts beschönigen. Im Gegenteil meine ich, dass die Art, wie bisher darüber geredet wird, zur Mythenbildung beiträgt. Dadurch, dass für Aussenstehende die Situation im „Untergrund“ gar nicht richtig fassbar wird, wird sie in der Fantasie zu etwas Übermenschlichem. Etwas für Profis, was ohne die Unterstützung von Geheimdiensten oder der Mafia gar nicht zu bewerkstelligen ist. Aber das stimmt nicht. Illegal zu leben braucht keine besonderen Fähgkeiten. Die einzige unverzichtbare Voraussetzung ist Solidarität.

Viel mehr als noch in den Jahren, bevor ich abtauchen musste, haben die Menschen heute offenbar das Prinzip der Legalität verinnerlicht. Es braucht überhaupt keine konkrete Androhung einer Strafe, um sich an die Regeln zu halten. Der mitteleutopäische Mensch ist sein eigener Polizist. Man kann mein Lächeln darüber natürlich als billig abtun, schliesslich musste ich ja zwei Jahrzehnte lang Regeln brechen und Gestze unterwandern, um zu überleben. Da wird die schiere Notwendigkeit schnell zum Selbstverständnis. Aber ich meine doch, dass wir viel selbstbewusster unsere individuellen Rechte als Mensch verteidigen sollten gegen den Anspruch des Staates, über unsere Körper und unsere Zeit verfügen zu dürfen. Selbstveständlich braucht Zusammenleben Regeln, Regeln die von allen Beteiligten des Gemeinwesens gleichberechtigt erstellt werden. Solche Regeln können dann auch gegen den Willen Einzelner durchgesetzt werden. Aber diese Situation besteht in Deutschland nicht. Es gibt hier keine Rechtsgleichheit zwischen Reichen und Armen. Die Möglichkeit der Beteiligung der grossen Mehrheit am Rechtssystem ist marginal, während die wenigen Reichen über unendlich viele Möglichkeiten verfügen, die Regeln gemäss ihrer Interessen zu gestalten. Warum beispielsweise stehen in einer Gesellschaft, die keineswegs mehrheitlich rechtsradikal ist, die Sicherheitsbehörden schon immer ganz rechts? Und warum hat die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung keinerlei Möglichkeiten, daran etwas zu ändern? In einem Rechtssystem, in dem die Regeln von allen gemacht würden, wäre der Verfassungsschutz schon vor Jahrzehnten aufgelöst worden.

Die Demokratie ist in Deutschland Makulatur, eine Spielwiese, auf der alle mitmachen dürfen, die nichts Grundlegendes verändern wollen. Dass da mittlerweile auch alle möglichen Leute mitturnen, die dieses System früher mal abgelehnt haben, ändert nichts an dem Prinzip. Deshalb geht von diesem System keine Legitimität aus. Und deshalb hat jeder Mensch innerhalb dieser Gesellschaft das Recht und sogar die Verpflichtung, Gesetze, die der Moral zuwiderlaufen, zu brechen. Das bedeutet, dass man sich in Deutschland, wenn man das richtige tut, schnell in einer illegalen Situation wiederfindet. Wir müssen dafür nicht unbedingt den Rückbau von Abschiebegefängnissen als Beispiel heranziehen. Es reicht schon, sich anzuschauen wie Menschen behandelt werden, die sich gegen gegen den weiteren Abbau von Kohle zur Wehr setzen, weil sie nicht einsehen, dass die Profitinteressen weniger Reicher über dem kollektiven Interesse der Menschheit stehen sollen.

Ich möchte dafür plädieren, über das Leben ausserhalb der Legalität zu reden. Eine Diskussion zu führen, die in erster Linie praktisch orientiert ist. Die sich mit abhörsicherer Kommunikation, biometrischen Daten und dem Abschütteln von Verfolger*innen befasst. Und darum, warum es in den am meisten entwickelten Gesellschaften in dem Masse, in dem die Techniken zur Erfassung aller Lebensäusserungen immer allumfassender werden, es für die Menschen immer selbverständlicher wird, sich dieser Erfassung auszuliefern.

Die Vorstellung, in der Illegalität zu leben, hat ausser dem praktischen Aspekt des gezwungenen Überlebens ja noch eine andere Seite. Sie öffnet einen gedanklichen Raum jenseits der totalen Überwachung. Kaum jemand will sich das klar machen. Aus Angst vor bärtigen Terroristen und boshaften Viren kuscheln sich die meisten um einen paternalistischen Staat, der ihnen Schutz verspricht, und stimmen weitgehend konformistisch jeder neuen Konzentration der Macht in den Händen ihres vermeintlichen Beschützers zu. Aber hinter den Schreibtischen und Bildschirmen der Sicherheitsbehörden sitzen Menschen mit eigenen Plänen und Interessen, und nicht erst seit Snowden und NSU 2.0 wissen wir, in welche Richtung die zeigen. Es ist eine Frage der Zukunftssicherung, sich Räume jenseits dieser staatlichen und korporativen Kontrolle zu erhalten. Dafür muss man etwas tun, das kommt nicht von alleine. Man muss forschen, experimentieren, Allianzen schmieden. Und vor allem muss man sich den Freiraum im eigenen Kopf erhalten: Dass ein Leben ausserhalb von oben verordneter Normen unser Recht als Mensch ist.

 

Schuldfrage

Ich bekenne mich schuldig. Schuldig nicht unbedingt im Sinne der uns vorgeworfenen Straftaten. Das ginge nicht, schliesslich ist die dafür verwendete juristische Konstruktion zu absurd, ein typisches Beispiel von politischer Justiz gegen den linken Gegner. Da geht es nicht um den Nachweis von konkreten Taten, sondern um das Bestrafen einer Gesinnung. Ausserdem müsste ich dafür ja erst mal vor Gericht stehen, bis dahin habe ich schliesslich als unschuldig zu gelten. Auch wenn erstaunlicherweise gerade die eifrigsten Verteidiger*innen des deutschen Rechtsystems die darin verankerte Unschuldsvermutung meist doch nicht so eng sehen und immer wieder meinen, schon mal vorab selbst klären zu müssen, was wir denn verbrochen haben könnten.

Nein, schuldig in einem viel weiteren Sinne. Eine generelle, eine Allgemeinschuld also. Weit über einen konkreten Tatvorwurf hinaus bin ich irgendwie schuld am Scheitern der Polititk, für die diese Taten stehen. Schuldig an der historischen Niederlage der revolutionären Idee. Schuld daran, nicht gewonnen zu haben. Eine generelle Totalschuld für den persistenten Glauben an die Idee, dass die Regeln des Zusammenlebens nicht von den Stärkeren diktiert, sondern unter Gleichen ausgehandelt werden sollten. Weil wir immer noch meinen, dass Menschen zu etwas besserem in der Lage sein müssten als zu diesem sich selbst verschlingenden System von Gefrässigkeit, Rücksichtslosgkeit und Verschwendung.

Fidel Castro sagte im Prozess nach seinem gescheiterten Putschversuch: „Die Geschichte wird mich freisprechen.“ Ein kluger Kopf! Der Mann machte Geschichte, siegte und sprach sich frei. Weil immer die Sieger die Geschichte schreiben, nie die Verlierer. Das Gedächtnis der Besiegten dagegen muss im Dunkeln mühsam gepflegt werden, immer in Gefahr, von den journalistischen Söldnern der Sieger aufgespürt und zertrampelt zu werden. Bei uns, den weniger Geschickten in Sachen Realpolitik, muss es deshalb heissen: „Die Geschichte wird uns schuldig sprechen.“

Bei den Katholiken ist das ganz einfach. „Durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine grosse Schuld“, raunen die Gläubigen, lassen sich mit geweihten Wassern beträufeln und „Zack!“ ist die Seele wieder rein, bis zum nächsten sündigen Gedanken. Beneidenswert. Wir radikalen Linken haben leider kein entsprechendes Procedere vorgesehen. Bei uns stiehlt man sich in der Regel heimlich aus der Affäre, kümmert sich um’s Private und wartet, bis Gras über die Sache gewachsen ist. Um dann, Jahre später, im Kreise der Lieben nach ein paar Bier augenzwinkernd zu verraten, dass man früher auch mal ganz ein Schlimmer war. Da geht es dann nicht mehr um Geschichte, nur noch um Geschichten. Uns Dreien, die wegen der versuchten Zerstörung eines Abschiebegefängnisses gesucht werden, ist dieser Weg verbaut. Mit waschfester Farbe ist uns das Wort SCHULD auf die Stirn geschrieben. Damit muss man leben. Was nach so vielen Jahren auch nicht mehr wirklich ein Problem ist. Man gewöhnt sich daran, das Schuldigsein wird zur „façon d‘être“. Ist dann auch nicht mehr wirklich wichtig, ob was dran ist. Notfalls erkläre ich mich auch schuldig für die Untaten anderer Leute.

Vielleicht könnte ich damit ja meinen Lebensunterhalt verdienen. Als Sündenbock für die Vergehen anderer. „Professioneller Hauptschuldiger übernimmt für eine kleine Gebühr die volle Verantwortung.“ Ich beginne als Ein-Mann-Startup, später source ich die Schuld dann aus und beschäftige eine Herde von Sündenböcken auf der ganzen Welt. Per Sin-App wird die individuelle Teilschuldgebühr errechnet und automatisch abgebucht, mein Anteil inklusive. Bei so viel Bedarf nach weissgewaschenen Westen könnte das ein Erfolgsmodell werden.

25 Jahre auf der Flucht

Seit mittlerweile einem Viertel Jahrhundert verfolgt die deutsche Justiz Bernd Heidbreder, Peter Krauth und mich wegen einem Sprengstoffanschlag auf die Baustelle des Abschiebegefängnisses Grünau am 11 April 1995. Ein Anschlag, der nie ausgeführt wurde. Mit abenteuerlichen juristischen Konstruktionen hat die Bundesanwaltschaft (BAW) dafür gesorgt, dass sie weiter gegen uns fahnden kann, obwohl die ursprünglichen Vorwürfe, nämlich ein Gebäude der Bundeswehr zerstört und eine „terroristische Vereinigung“ betrieben zu haben, längst verjährt sind. Als Grund der Strafverfolgung muss jetzt die angebliche „Verabredung zu einer Straftat“ herhalten, deren Verjährung absurderweise länger hinausgezögert werden kann als die Straftat selbst. Proteste bis vor den höchsten juristischen Instanzen waren zwecklos. Die BAW darf uns weiter belangen und sorgt mit Neuauflagen der Roten Ausschreibung von Interpol dafür, dass wir selbst in unserem fragilen venezolanischen Exil nicht in Ruhe gelassen werden, was unlängst zur monatelangen Festsetzung von Peter unter inhumanen Bedingungen geführt hat.

Woher dieser hartnäckige Verfolgungsdrang? Niemand wird ernsthaft denken, dass drei in die Jahre gekommenen Männer, die sich mit Landwirtschaft, chinesischer Heilkunde und Musizieren beschäftigen, eine Bedrohung für die Sicherheit der BRD darstellen. Gefahrenabwehr kann wohl kaum die dahinter stehende Motivation sein. Vielleicht geht es ja darum, das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit aufrecht zu erhalten und klar zu machen, dass die deutsche Justiz in ihrem Anspruch auf Durchsetzung der Gesetze keinen Spielraum gewährt? Aber das wiederum widerspricht der Erfahrung, dass dieselbe Justiz recht nachgiebig ist, wenn es um Verbrechen mit einem rechten Hintergrund geht, oder wenn der Staat selbst der Täter ist, wie wir es beispielsweise bei der systematischen Verschleppung des Verfahrens gegen die Mörder von Oury Jalloh gesehen haben.

Was dann? Vielleicht hat dieser hartnäckige Beisszwang eher etwas mit dem Thema zu tun, um das es bei den Vorwürfen gegen uns geht. Um auf die Rolle der BRD bei der Niederschlagung der kurdischen Kämpfe um Autonomie hinzuweisen, sollte 1995 der Bau eines Abschiebegefängnisses in Nähe des Flughafens Schönefeld verhindert werden, der die Abschiebung unerwünschter Ausländer*innen effizienter gestalten sollte. Ein Thema, das noch heute brandaktuell ist. Mehr denn je schottet sich Europa gegen die Migration aus dem Süden ab, gegen die zu kurz Gekommenen im Kampf um Absatzmärkte und Ressourcen und gegen die Opfer der Kriege, die geführt werden, um die weltweite Vormachtstellung eines Geschäftsmodelles durchzusetzen, das zwangsläufig Menschen und Lebensräume zerstört um seinen unersättlichen Hunger nach Wachstum zu stillen. Und nach wie vor werden bei diesem Kampf Bevölkerungsgruppen wie die Kurd*innen, die zwischen die Fronten der geopolitischen Interessen geraten sind, erbarmungslos zerrieben. Protest gegen diese Politik ist für die Behörden, die den Schutz dieser Wirtschaftsform nach innen durchsetzen sollen, nicht zulässig. Ist das der Grund, warum die BAW meint, uns auch noch 25 Jahre nach einem vereitelten Anschlag jagen zu müssen, der ausschliesslich Sachschaden produzieren sollte und die Gefährdung von Menschen sorgfältig ausschloss?

Wie ist es uns ergangen in diesen Jahren?

Nachdem wir 1995 abtauchen mussten, begannen wir damit, uns ein neues Umfeld aufzubauen, das mit dem alten keine Berührungspunkte hatte. Es wäre gelogen, würde ich hier erzählen, dass uns das besonders leicht gefallen sei. So vieles in unserer alten Umgebung, was wir vorher als gegeben hingenommen hatten, erschien uns plötzlich als das Wichtigste im Leben überhaupt. Man will eben immer das, was man gerade nicht haben kann. Wir hatten zu kämpfen mit dem Verlust von Freundschaften, die von heute auf morgen einfach abgeschnitten waren. Das ist noch relativ leicht in Fällen, wo alles Freude und Einklang war. Das ist dann eben zu Ende, und es bleibt eine schöne Erinnerung. Was ist aber mit den Beziehungen, die schwierig waren, und wo es keine Möglichkeit mehr gab, irgendwelche Probleme abzuklären? Da hatten wir lange die eine oder andere Leiche im Keller liegen, und das waren mit Sicherheit die schwierigsten Situationen für uns.

Wie umgehen mit dem ständigen Druck, dass nach dir gefahndet wird? Es war ein Lernprozess. Auch wenn man sich vorher schon damit beschäftigt hat, ist es in der konkreten Situation Neuland. Was können die Bullen, was sind ihre Möglichkeiten, was davon setzen sie real um, wie denken und wie arbeiten sie? Und was sind unsere Möglichkeiten, wie funktionieren wir in Stressituationen, was sind unsere Lieblingsfehler? Wo lernen wir leicht dazu, und wo wiederholen wir wider besseren Wissens immer wieder den gleichen Mist (und vermeiden also nach Möglichkeit die entsprechende Situation)? Es ist fundamental, ein Gefühl dafür zu entwickeln, was der Apparat real ausrichten kann. Auf der einen Seite nicht übertrieben selbstsicher und damit leichtsinnig zu sein, Kamikaze zu machen. Zum anderen die Greifer nicht zu überschätzen, auf dem Teppich zu bleiben, nicht paranoid zu werden.

Eines ist sicher: Dass wir mit der neuen Situation so relativ gut klar kamen, hatte weniger mit uns selbst als vor allem mit anderen zu tun. Ohne die konsequente Unterstützung uns freundlich gesonnener Menschen stünden wir heute bestimmt anders da. Wir haben seit unserem Abtauchen eine immense Solidarität erfahren. Sowohl von den Leuten „zu hause“ in Berlin, als auch dort, wo wir jeweils untergekommen sind. Natürlich waren nicht alle immer hilfsbereit, es gab auch ein paar weniger erfreuliche Erlebnisse, aber in der grossen Mehrheit der Fälle war das so, und das war ein Gefühl der Geborgenheit, das ich gerne mit „globaler Zärtlichkeit“ umschreibe. Es ist die gelebte Erfahrung, dass unsere Träume von einer solidarischeren Welt durchaus ein Fundament haben. Dass es überall Menschen gibt, die bereit sind, anderen zu helfen, auch wenn sie persönlich nichts dabei gewinnen, oder sogar etwas riskieren.

Liebe Freund*innen, auch die, von denen wir gar nichts wissen:

Seid umarmt für eure Unterstützung und Solidarität! Auch wenn die deutsche Justiz uns jetzt noch in ihre Krallen bekommen und uns die Freiheit nehmen sollte, eines kann sie uns nicht mehr nehmen: Die Erfahrung, dass wir in der Not zusammen halten und selbst gegen einen übermächtig erscheinenden Feind überleben können. Dank euch allen dafür!