Die Kunst, sich nicht einsperren zu lassen

Das vollständige Interview mit Kristian Stemmler, gekürzt veröffentlicht in der “Analyse & Kritik” vom 15 Juni 21.

Vor 26 Jahren bist Du mit Bernd Heidbreder und Peter Krauth aus der BRD geflohen, ihr drei hab seitdem im Exil gelebt, seit einigen Jahren am Rande der venezolanischen Stadt Mérida in den Anden. Bernd ist nun am 27. Mai im Alter von 60 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben. Kannst Du etwas zu den Umständen seines Todes sagen?

Bernd kam schon seit einiger Zeit nicht besonders gut daher, hatte Sehstörungen, Schwindel, war dünner geworden. Vor etwa drei Wochen verschlimmerte sich sein Zustand sehr plötzlich, innerhalb von nur einer Woche war er nicht mehr in der Lage, zu laufen, ohne dass wir auch nur einen Schimmer hatten, was das sein könnte. Schließlich mussten wir ihn hospitalisieren, erst im öffentlichen Krankenhaus, wo sie ihn gar nicht da behalten wollten, dann in einer Privatklinik. Da kam dann der Verdacht auf einen Hirntumor auf, der sich bestätigte. Er wurde operiert, mit einer schlechten Prognose, war danach noch zwei Tage bei Bewusstsein, bis er ins Koma fiel und einen Tag später starb. Das Ganze ging in solch einer atemberaubenden Geschwindigkeit vor sich, dass wir gar nicht hinterher kamen. Weil wir uns so unsicher waren, ob wir Bernd unter den chaotischen Bedingungen hier auch wirklich alle notwendigen medizinischen Möglichkeiten zur Verfügung stellen können würden, haben Freund*innen in Deutschland parallel immer bei Ärzt*innen dort rückgecheckt, ob hier vor Ort tatsächlich alle nötigen Massnahmen getroffen worden sind. Das war sehr wichtig, weil es uns die Sicherheit gegeben hat, dass wir nichts übersehen oder ausgelassen haben, um Bernd zu helfen. Aber es war nichts mehr zu machen.

Wann habt Ihr ihn zuletzt gesehen und gesprochen?

Am 25. nachmittags habe ich mich zuletzt mit ihm unterhalten. Er war sehr frustriert, konsterniert, plötzlich ein Pflegefall geworden zu sein. Er hatte Lust auf gar nichts. Ich fand das so traurig und habe ihn deshalb gefragt, ob es denn nicht irgendwas gäbe, auf was er richtig Lust habe, egal wie unrealistisch es auch sei. Er hat lange nachgedacht, wirklich ein paar Minuten, und dann sagte er: „Ja, Schokoladeneis.“ Daraufhin kam eine Pflegerin für erste Gymnastikübungen. Ich bin so lange raus und habe überlegt, wie ich an ein Schokoladeneis kommen könnte, und nach ein paar Minuten wurde ich gerufen: Herz- und Atemstillstand! Sie konnten ihn nochmal wiederbeleben, aber aus dem Koma ist er nicht mehr aufgewacht. Irgendwie fand ich das tröstlich mit dem Schokoladeneis, denn es ist auch mein Lieblingseis, und von jetzt an werde ich nie wieder eines essen, ohne an Bernd zu denken.

Peter war während der Zeit von Bernds Krankheit und Tod zuhause isoliert, weil er an Corona erkrankt war. Er konnte nur noch telefonisch mit ihm reden. Das muss sehr schwer sein, so was aus der Entfernung zu verfolgen. Ich durfte wenigstens die ganze Zeit an seiner Seite sein.

Bernd, Peter und Dich verbindet die Geschichte der gemeinsamen Flucht nach dem gescheiterten Anschlag der militanten Gruppe KO.M.I.T.E.E. auf ein ehemaliges DDR-Frauengefängnis in Berlin-Grünau, das zum Abschiebeknast umgebaut werden sollte. Was bedeutet Bernds früher Tod für Euch?

Das kann ich dir noch gar nicht sagen, dafür ist das noch viel zu frisch. Irgendwie scheint ein Abschnitt des Lebens zu Ende zu sein, denn unsere Flucht war ja eine Geschichte von drei Freunden, und auch wenn man sich im Laufe der Jahre unterschiedlich entwickelt hat, waren das ja Jahrzehnte, wo man zusammen gehalten hat wie Pech und Schwefel. Also wenn mich jemand fragen würde „was hast du geleistet in deinem Leben?“ würde ich sagen, ich habe mich von den Bullen nicht einsperren lassen, das ist mein Lebenswerk, frei zu bleiben trotz dieser scheinbar übermächtigen Maschinerie, die uns jagt. Da bin ich stolz drauf, und das habe ich nicht alleine gemacht, sondern zu dritt. Und von den Dreien gibt es jetzt Einen nicht mehr, das ist ein Loch auch im eigenen Leben.

Was war Bernd für ein Mensch? Was prägte, was bewegte ihn?

Bernd war ein ganz sensibles Wesen, man hatte immer ein bisschen das Gefühl, man müsse ihn beschützen. Er war ja drei Jahre lang bei der Polizei, da hatte ihn die Familie rein gedrängt. Er hat da ersatzweise seinen Wehrdienst geleistet, da gab es damals so eine Modalität, und es wurde von ihm erwartet, dass er dabei bleibt und Karriere macht. Aber Bernd hat das überhaupt nicht ausgehalten, diese ganze Brutalität und den Zwang zur Unterwerfung die dort herrschen, und hat es dann so hingedreht, dass er aus Gesundheitsgründen ausscheiden musste und noch eine schöne Abfindung bekam. Danach hat er eine Weile lang eine Kneipe gemacht, bisschen studiert, Musik gemacht, und irgendwie war ihm klar, dass er sich nicht einfach in die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse integrieren konnte, dass ihm zu Vieles falsch erschien und er nicht Teil davon sein wollte. Bei bei den Autonomen hat er eine kulturelle Heimat für diese Sehnsucht gefunden. Das hat ihm gut gefallen, eine feste Gemeinschaft zu haben und einen Sinn im Leben, sich aktiv gegen die gesellschaftlichen Missstände zu engagieren. Er war sehr moralisch, also das Gegenteil von jemandem, der nach aussen einen Anspruch vertritt, aber zu hause ganz was anderes lebt. Bernd war es immer ganz wichtig, die politischen Postulate auch privat umzusetzen. Er hat aus Prinzip immer ganz bescheiden gelebt, bis zum Schluss wollte er keinesfalls einen besseren Lebensstandard haben als seine Nachbar*innen im Barrio, auch wenn er sich das dank seiner Freundschaften in Deutschland hätte leisten können. Die meiste Zeit hat er als Drucker gearbeitet. Bernd war Mitglied in der sozialistischen Einheitspartei PSUV, er hat sich da bis zum Ende engagiert auf der Ebene von Basisorganisation im Stadtteil, obwohl er von der Entwicklung der Partei wie wir alle enttäuscht war. Er hat das trotzdem weiter gemacht, vielleicht auch weil ihn, im Unterschied zu mir etwa, die „grossen“ Lösungen gar nicht so sehr interessiert haben. Er wollte einfach das tun, was er als korrekt empfand, nicht um irgend was dafür zu bekommen oder toll da zu stehen, sondern einfach, weil es für ihn stimmte. Wolf Dieter Vogel hat das in seinem Nachruf sehr schön auf den Punkt gebracht: Das Richtige tun, ohne sich wichtig zu machen. Besser kann man sein Wesen nicht zusammenfassen.

Etwa zwei Jahre musste Bernd nach seiner Festnahme 2014 unter schlimmen Bedingungen im Knast verbringen, die längste Zeit in „Helicoide“, einem berüchtigten Gefängnis des Geheimdienstes in Caracas. Wie war das für ihn, was hat er darüber berichtet?

Also in Venezuela inhaftiert zu werden, das ist ja nun wirklich etwas, was man vermeiden möchte, das wünscht man seinem schlimmsten Feind nicht. Man ist vollkommen der Willkür des Personals ausgeliefert, die Einrichtungen sind nicht für so viele Menschen ausgelegt, es gibt keine regelmässige Versorgung mit Essen, über die Hygiene reden wir lieber gar nicht. Dafür hat er berichtet, dass die Gefangenen untereinander erstaunlich solidarisch waren. Wenn einem von aussen kein Essen gebracht wurde, dann wurde geteilt, was da war. Die Verlegung in das Helicoide war ja sogar eine Verbesserung, das war die Reaktion der Regierung auf eine Petition von Intellektuellen, Bernds Fall endlich zu behandeln. Davor war er teilweise gar nicht in einem richtigen Knast, sondern wurde im Büro der Interpolabteilung von Caracas festgehalten. Da sass er tagsüber auf einem Stuhl, nachts lag er auf einer Matratze, immer mit Handschellen an ein Geländer gefesselt. Seine Freundin Gloria war nach Caracas gezogen und hat ihm jeden Tag das Essen gebracht, zwei Jahre lang. Ein wahnsinniger Einsatz. Der Oberste Gerichtshof hatte eine Frist von 30 Tagen, um über seine Auslieferung zu entscheiden, aber sie haben sich 15 Monate lang damit Zeit gelassen. Als sie sich endlich bequemt haben, über seinen Fall zu beraten, kamen sie schnell überein, dass eine Auslieferung nicht in Frage kommt, weil die Vorwürfe nach venezolanischem Recht schon lange verjährt waren. Trotzdem sass er nach dem Urteil weitere sieben Monate im Helicoide ein, einfach so, ohne jede rechtliche Grundlage, man wollte ihn einfach nicht entlassen. Erst nach parteiinternem Druck kam er schliesslich raus. Es waren vor allem diese letzten Monate, die ihm zu schaffen gemacht haben, das tägliche Warten darauf, endlich raus zu kommen, das vollkommene Ausgeliefertsein an die Willkür der Büttel. Die Erfahrung völliger Rechtlosigkeit. Der Knast hat ihm schlimm zugesetzt, er kam anders da raus, als er reingegangen ist. Die spontane Fröhlichkeit, die ihm immer eigen war, wurde von da an seltener.

Wie fing alles an mit Euch dreien? Wie und wo habt Ihr Euch kennengelernt?

Peter kommt zwar aus dem gleichen Dorf wie ich, aber wir haben uns erst in Berlin kennen gelernt, als ich eine Meldeadresse brauchte, um mich dem Wehrdienst zu entziehen. Damals war bei ihm schätzungsweise eine halbe Kompanie polizeilich gemeldet, lauter potentielle Soldaten aus Westdeutschland, die keine Lust auf’s Strammstehen hatten. Weil wir auch beide Schreiner sind, haben wir bald mehr zusammen gemacht.

Bernd hat so um 1986 herum eine Bleibe gesucht und er zog bei mir im Haus ein. Wir haben mit anderen zusammen ein Wohnprojekt gemacht und fast alles gemeinsam organisiert – Geld, Essen, Politik. Wir haben zum Beispiel das Kind einer Mitbewohnerin gemeinsam aufgezogen, jedeR war für einen Tag in der Woche zuständig. Unsere Auftritte beim Elternabend waren stets berüchtigt, wenn statt einem oder zwei gleich fünf Erziehungsberechtigte erschienen. Später ging das Wohnprojekt ein, aber Bernd und ich sind zusammen geblieben.

Alle drei waren wir Teil der „Autonomen“. Wir waren politisch aktiv zu allen möglichen Themen, haben Demos mitorganisiert, Knastarbeit gemacht, uns gegen Nazis gewehrt usw. Die autonome Bewegung war ein ausgeprägt integraler Lebensentwurf, kulturell, sozial und politisch, da wurde nicht viel getrennt zwischen privat und öffentlich. Ein gemeinsamer Schwerpunkt von uns dreien war, unsere Position als Männer zu hinterfragen, eigene patriarchale Strukturen zu verändern. Das klingt heute vielleicht banal, weil da ja viel passiert ist in den vergangenen Jahren, aber in der vom Stereotypen des vermummten männlichen Strassenkämpfers geprägten Subkultur der 80er war das ein wichtiger Ansatz. Wenn wir mit unserem Transparent „Müssen Männer Macker sein?“ auf einer militanten Antifademo in Schwedt mitglaufen sind, hat das möglicherweise beim ein- oder anderen sogar Denkprozesse ausgelöst. Das hoffe ich zumindest.

Nach dem gescheiterten Anschlag von Berlin-Grünau 1995 musstet Ihr untertauchen. Wo hat es Dich in den Jahren danach hingeführt? Warum seid Ihr schließlich in Venezuela gelandet?

Das war eine lange Reise kreuz und quer durch den Kontinent, oft jeder für sich, zeitweise mal zwei zusammen. Immer wieder gab es irgendwo Probleme und man musste weiter, oder die Beteiligung an einem politischen oder sozialen Projekt war an einem toten Punkt angelangt, und man wollte was neues probieren. Nach Venezuela sind wir gekommen, weil sich das Land damals im Aufbruch befand, es gab eine tolle Dynamik, wir wollten dabei sein, und natürlich versprachen wir uns auch einen gewissen Schutz davon, in einem „sozialistischen“ Land zu leben. Aber das zentrale Motiv war, dass wir nach vielen Jahren, wo jeder für sich selbst dahin gelebt hatte, wieder zusammen kommen wollten. Wir wussten, was wir aneinander haben, trotz aller Unterschiede, und wollten uns gegenseitig in der Nähe haben. So eine Geschichte wie unsere verbindet einfach. Und Venezuela bot damals die besten Voraussetzungen dafür.

Du musstet wie Bernd und Peter unter falschem Namen, mit einer falschen Identität und Biographie leben. Dass Linke aus der BRD als politisch Verfolgte im Exil leben müssen, ist ja zum Glück sehr selten geworden. Wie muss man sich das konkret vorstellen? Was bedeutete dieses Leben und das ständige Verstellen für Dich?

Als die Entscheidung stand, wo wir hingehen wollen, brauchten wir natürlich Papiere, um dort hin zu kommen. Damals war das alles ja noch etwas einfacher als heute, wo Ausweise so gut wie fälschungssicher sind. Damals nahm man den Pass einer Person, bei der Grösse, Hautfarbe und Alter so halbwegs zu einem selbst passten, tauschte das Bild aus und machte den Ausschnitt des Stempels nach, der das Bild bedeckt. Kunsthandwerkliche Arbeit, nicht ganz einfach, aber machbar für Leute, die sich die Zeit nehmen, sich da rein zu knien. Und dann brauchte es auch noch Geld, denn auch wenn Menschen bereit sind, dich irgendwo unterzubringen, heisst das noch nicht, dass sie dir auch gleich einen Arbeitsplatz zur Verfügung stellen. Für unseren Lebensunterhalt mussten wir schon selbst aufkommen, und das hiess, dass wir einen ziemlichen Batzen Überbrückungsgeld“ brauchten, bis wir auf eigenen Füssen standen. Zum Glück gab es damals genug Leute, die bereit waren, zu spenden, das war bei uns nie ein Problem. Und nach einer Weile waren wir ja auch alle selbstständig, auch wenn es immer mal wieder Situationen gab, wo das selbst verdiente Geld nicht gereicht hat. Ich hatte mich dafür entschieden, zu einer linken Organisation in Lateinamerika zu gehen, wo ich auch weiterhin politisch tätig sein könnte. Das war mir persönlich sehr wichtig, weiterhin aktiv zu sein und nicht einfach nur zu überleben. Auch wenn das „Sich nicht erwischen lassen“ an sich ja auch schon so was wie eine politische Handlung ist. Also war ich sehr schnell integriert, zumindest was die äusseren Bedingungen betrifft. Mit der sozialen Integration hat das allerdings viel länger gedauert. Ich habe überall mitgemacht, meine Kenntnisse und Erfahrungen eingebracht und versucht, von den Leuten zu lernen. Die waren auch alle sehr lieb und haben fast alles mit mir geteilt. Trotzdem bin ich immer etwas fremd geblieben. Im Geist war ich oft in meinem alten Zuhause, und das war bestimmt nicht förderlich dafür, vollständig anzukommen. Ich konnte das schlecht vergessen, hatte immer irres Heimweh. Ich denke, das war bei mir auch Teil von meiner ganz persönlichen Überlebensstrategie, dass ich mir immer gesagt habe: „Ich bin Teil einer Bewegung, auch wenn ich dort jetzt nicht sein kann, gehöre ich doch dazu. Weder räumliche noch zeitliche Entfernungen können daran was ändern.“ Das hat mir zwar viel Stärke gegeben, aber auf der anderen Seite hat es meine Integration nicht einfacher gemacht. Bernd hatte es da leichter, der hat sich immer sehr schnell anpassen können und sich heimisch gefühlt.

Sich immer verstellen zu müssen, damit die Legende nicht auffliegt, ist anstrengend. Anfangs mag das noch eine gewisse Romantik haben, es ist aufregend, aber das vergeht schnell und nervt dann nur noch, besonders wenn man Menschen kennenlernt, die man gerne mag und ihnen etwas vorlügen soll. Aber wir haben das eigentlich eher liberal gehandhabt: Wenn wir jemanden gerne mochten und einen gewissen Grad an Vertrautheit erreicht hatten, haben wir ziemlich bald unsere wahre Geschichte erzählt und darauf gesetzt, dass die uns schon nicht verpfeifen würden. Das scheint auch funktioniert zu haben. Zwar sind sie Bernd irgendwann auf die Spur gekommen, aber die Ursache scheint nicht die Indiskretion einer befreundeten Person gewesen zu sein, sondern eher was anderes. Genau wissen werden wir das aber wahrscheinlich nie.

Ihr hattet Unterstützer*innen, die Euch in dieser schwierigen Zeit geholfen haben. In einem Radiofeature hast Du gesagt, Du hättest da mit „den Besten“ zu tun gehabt. Wie meintest Du das?

In der Regel gibt es ja immer jemanden, der dich empfängt, wenn du als Gesuchter irgendwo hin kommst. Du gehst schliesslich nicht einfach so irgendwo hin, wo du niemanden kennst, sondern wirst meist jemandem empfohlen. Zumindest bei uns war das fast immer so. Das ist ja auch gut für deine „Legende“, wenn es vor Ort jemanden gibt, der oder die für dich bürgt. Das macht es viel einfacher, irgendwo rein zu kommen. Ob diese Leute dich dann auch weiterhin begleiten, das steht auf einem anderen Papier. Ich habe da auch schlechte Erfahrungen gemacht, also dass wir bei Leuten aufgetaucht sind, die sagten, sie wollen uns helfen, und dann hat sich aber herausgestellt, dass wir für die einfach nur unbequem waren, heisse Kartoffeln, die sie wieder loswerden wollten. In anderen Fällen haben die Leute, bei denen einer von uns angekommen ist, ihn dann jahrelang begleitet und unterstützt. Unterschiedlich also. Mit den „Besten“ meinte ich, dass in der Regel Leute gefragt wurden, ob sie uns helfen können, die selbst eine lange, linke Geschichte haben, denn wenn jemand nach Jahrzehnten immer noch die gleichen Ideale vertritt, kann man sich ziemlich sicher sein, dass sie oder er auch heute noch solidarisch ist. So haben wir wirklich tolle Menschen kennengelernt, die oft eine unglaublich kämpferische Geschichte hatten. Das hat uns ein Bild davon gegeben, wie viele Leute es eigentlich gibt, die was anderes wollen als die aktuelle, kapitalistische Gesellschaftsordnung. Das vergisst man ja leicht, wenn man ständig von den Medien bombardiert wird, wie sinnlos es doch sei, sich etwas anderes zu erträumen als Eigennutz und Konsum.

Venezuela war da eigentlich eine Ausnahme, hier kannten wir anfangs niemanden. Hier war das auch nicht so wichtig, es war Aufbruchstimmung, Revolution in aller Munde, da haben wir erst mal sowieso gut rein gepasst. Mit den Jahren hat sich auch hier ein Kreis herausgebildet, der uns unterstützt, aber das hat sich eher aus unseren sozialen Beziehungen entwickelt. Als Bernd 2014 verhaftet wurde, wusste ich erst mal gar nicht, was jetzt tun. Ich dachte zuerst, ich sei völlig auf mich allein gestellt, aber da kamen dann ganz schnell Leute und haben Hilfe angeboten. Obwohl wir zu dem Zeitpunkt schon längst nicht mehr mit einer Verhaftung gerechnet hatten und keine entsprechenden Vorkehrungen getroffen hatten, entstand ganz spontan und in recht kurzer Zeit eine konkrete Unterstützung. Das war eine gute Erfahrung. Natürlich war das nicht bei allen so, es gab auch Leute, mit denen ich befreundet war, die haben ganz schnell dicht gemacht, als sie von unserer Geschichte erfuhren, von wegen „mit so jemanden will ich nichts zu tun haben“. Da trennt sich schnell die Spreu vom Weizen.

Was die langjährigen Freund*innen und Mitstreiter*innen in Deutschland angeht, ist die praktische Unterstützung über die Jahre hinweg natürlich immer weniger geworden, weil wir unabhängiger wurden. Schriftlich haben wir aber immer Kontakt gehalten, wir hatten uns dafür ein absolut „wasserdichtes“ Kommunikationssystem geschaffen. Und als Bernd verhaftet wurde, waren die Genoss*innen auch so gut wie alle gleich wieder zur Stelle, das war grossartig. Es ist schon was besonderes, wie diese Leute all die Jahre bei der Stange geblieben sind, da hatten wir wirklich ein grosses Glück! Ich denke nicht, dass es vielen anderen in vergleichbaren Situationen damit so gut ging, wie uns. Das ist wirklich ein Privileg, und das ist bestimmt auch ein Ergebnis dieser integralen Zusammenhänge, die wir gelebt haben, dieser Ansatz von persönlichem, widerständigem, politischem Lebensversuch.

Ihr seid von den deutschen Sicherheitsbehörden zu „Terroristen“ erklärt und mit obsessiven Aufwand um die halbe Welt gejagt worden. Eure Verwandten und Freunde wurden observiert, Wohnungen durchsucht und Zeitungsredaktionen auf der Suche nach Bekennerschreiben, die Telefonate von Anwälten abgehört. In der ZDF-Sendung „Aktenzeichen xy… ungelöst“ wurde öffentlich nach Euch gefahndet. Das Bundeskriminalamt schickte nach einem vagen Hinweis zwei Zielfahnder nach Ägypten. Wie erklärst Du Dir diesen Aufwand? Ist das Rachsucht des Staates, will man an Euch ein Exempel statuieren?

Ich habe das eigentlich nie so richtig nachvollziehen können. Ich nehme an, dass sie sich anfangs ziemlich sicher waren, dass sie uns bald haben würden, denn schließlich waren wir keine Profis mit irgendeiner hochkarätigen Organisation dahinter, sondern eher so ein paar lebenslustige Haurucks aus der Szene. Da haben sie sich ja selbst noch drüber lustig gemacht, was wir für Pfosten seien, und haben die für unseren Fall eingerichtete Sonderkommission „Osterei“ genannt. Ich könnte mir vorstellen, dass es sie geärgert hat, dass sie uns nach ein paar Jahren immer noch nicht gefunden hatten und sie sich da irgendwie in die Sache verbissen haben. Vielleicht ist das dann zum Selbstläufer geworden: Nachdem sie wegen uns wahnsinnig viele Steuergelder verschleudert hatten, ohne Ergebnisse vorweisen zu können, mussten sie uns dann zu den „Meistgesuchten“ hochstilisieren, um ihren Einsatz zu rechtfertigen.

Und schliesslich darf man auch nicht vergessen, dass wir damals so was wie „die letzten Mohikaner“ waren. Die revolutionäre Linke hatte in diesen Jahren nach dem Mauerfall ihrer Militanz eher abgeschworen und man darf getrost annehmen, dass die Bullen einfach ihre Budgets erhalten wollten, indem sie weiterhin eine Gefährdung von links konstruierten, die es so (leider) ja gar nicht mehr gab.

Wie beurteilst Du heute die Aktionen der Gruppe K.O.M.I.T.E.E. von 1994 in Bad Freienwalde und von 1995 in Berlin-Grünau?
In Teilen der Linken wird die Militanzfrage noch diskutiert. Der US-Theoretiker Joshua Clover prognostizierte 2016 eine Zeit der immer stärker aufflammenden Riots. Der schwedische Humanökologe Andreas Malm stellte das Dogma der Gewaltlosigkeit im Kampf für die Rettung des Klimas in Frage. Wie siehst Du das Thema heute? Ist Gewalt gegen Sachen nicht gerechtfertigt, wenn man sich ansieht, wie gewalttätig das System ist, wie etwa der Staat hemmungslos in Kriegs- und Krisengebiete abschiebt wie nach Afghanistan?

Die Gewaltfrage ist der ewige Stein des ideologischen Anstosses der Linken, denn eigentlich wollen wir eine friedliche Gesellschaft. Da wir aber mit Gewalt daran gehindert werden, das umzusetzen, wirft das die Frage nach der Verteidigung auf, also der Gegengewalt. Diese theoretische Frage wurde eigentlich schon vor vielen Jahren beantwortet, nämlich mit der Formel: Wir wenden so wenig Gewalt an wie möglich, um unsere Selbstbestimmung durchzusetzen, aber wir lassen uns unsere Kampfmittel nicht vom Gegner vorschreiben. Wo beispielsweise ein Ziel durch Sitzblockaden erreicht werden kann, weil die Bewegung riesig ist und der Gegner sich im Legitimationskonflikt befindet, wäre es falsch, zu militanten Mitteln zu greifen. Wichtig ist, dass die Entscheidung, welche Methoden der jeweils aktuellen Situation angemessen sind, nicht Einzelnen überlassen werden darf, sondern so weit wie möglich Konsens in der Bewegung sein soll.

Zurück zu Eurem Leben im Exil. Bernd hat 2016 in Venezuela den Flüchtlingsstatus offiziell beantragt, Peter und Du 2017. Das hat Euch ermöglicht, wieder legal und unter Euren richtigen Namen in Mérida zu leben, Kontakt zu Verwandten und Freunden zu haben. Wie war das für Dich, als all das wieder möglich war?

Das war eine Erleichterung, die ich kaum beschreiben kann, und die ich auch nicht so erwartet hatte. Peter und ich hatten lange gezögert, den Schritt zu tun und uns der Flüchtlingsbehörde anzuvertrauen. Als Illegale waren wir ja halbwegs sicher, und hatten unser Schicksal weitgehend selbst in der Hand. Zwar hatte Monate nach Bernd’s Verhaftung eine Gruppe Fahnder, wahrscheinlich mit deutscher Unterstützung, in Mérida nach mir gesucht, aber dank unserer sozialen Einbettung wurden wir schnell gewarnt und ich konnte mich absetzen. Wenn wir aber unsere wahre Identität preisgeben würden, wären wir der staatlichen Willkür ausgeliefert. Nachdem Bernd gerade zwei Jahre ohne rechtliche Grundlage im Knast verbracht hatte, war das Misstrauen gross. Wir haben uns dann doch dazu durchgerungen in der Hoffnung, dass sich dadurch neue Optionen ergeben könnten. Wirklich passiert in Bezug auf unseren Aufenthaltsstatus ist seitdem nichts, aber die emotionale Befreiung, die das auslöste, war immens. Endlich konnte ich wieder Kontakt mit all den Menschen aufnehmen, die ich so lange vermisst hatte. Ich hatte ja in den Anfangsjahren unserer Flucht noch versucht, sporadischen Kontakt zu meiner Familie zu halten, aber nachdem sich mein Vater am (abgehörten) Telefon nicht zurückhalten konnte und dadurch eine erneute Hausdurchsuchung und verschiedene Zeugenvorladungen ausgelöst hatte, habe ich das eingestellt. Ich wollte ja nicht die Leute gefährden, die uns so selbstlos unterstützten. Aber jetzt ging das alles plötzlich wieder. Mein dementer Vater hat mich bei unserem ersten Skype Telefonat leider nicht mehr erkannt. Er sagte zu meiner Mutter, die daneben sass: „Das kann ja jeder sagen, dass er unser Thomas ist.“ Als ich ihm das ein- oder andere Liedchen vorgeträllert habe, das er uns als Kindern am Bett gesungen hatte, gab es allerdings doch ein gewisses emotionales Wiedererkennen, und er brummelte die Melodien mit. Andere wussten aber sehr wohl noch, wer ich bin, und haben nicht davor zurückgescheut, mit einem „Terroristen“ offen Kontakt aufzunehmen, weil ihnen unsere Freundschaft wichtiger war als mögliche Repressalien. Tatsächlich hat es die nach meinem legalen Auftauchen in Venezuela auch nie wieder gegeben. Und neue Freundschaften sind dazu kommen, die sich auch nicht von einer potenziellen Belästigung durch das BKA abschrecken liessen, wie Pablo „Mal Élevé“ von der aufgelösten Gruppe Irie Revoltés, mit dem ich bald darauf ein Musikprojekt angefangen habe.

Wie lebst Du heute in Mérida?

Sehr gut eigentlich. Ich lebe auf dem Land in netter Umgebung, habe alles, was ich brauche, habe Leute, die mich mögen, bin gesund. Ich weiss nicht, ob man vom Leben viel mehr verlangen soll. Von der desolaten Situation des Landes sehe ich durchaus auch die positiven Aspekte, nämlich die einer unbeabsichtigten Décroissance. Als notorischer Radfahrer zum Beispiel geniesse ich durchaus die autofreien Strassen infolge der Benzinknappheit. In meinen ersten Jahren in Mérida waren Fahrräder so selten, dass man sich euphorisch grüsste, wenn einem ein Radlerkollege entgegenkam. Heute wäre das peinlich und man käme aus dem Winken nicht mehr heraus, denn alle haben ihre Drahtesel aus dem Keller geholt und wieder gangbar gemacht. Sehr viele Leute gehen zu Fuss, aus Not zwar, aber in einer traditionell übergewichtigen Bevölkerung, wo man früher Treppensteigen als Zumutung betrachtete, ist das ein Fortschritt. Das notorische Heimweh, das mich jahrzehntelang geplagt hat, ist verflogen. Meine Beziehungen zu Menschen in Deutschland sind zwar weitgehend digital, aber das tut deren Qualität keinen wesentlichen Abbruch. Und mal ganz im Ernst: Während der Corona-Pandemie hätte ich auch wirklich nicht in Berlin leben wollen. Bei uns hier auf der Scholle haben wir davon eher wenig mitbekommen.

Du kommst aus dem baden-württembergischen Sinzheim nahe Baden-Baden. Willst Du dorthin zurück oder in Venezuela bleiben?

Wenn mein Haftbefehl aufgehoben würde, stünde ich mit Sicherheit zwei Tage später dort vor der Tür. Meine Eltern leben noch, und ich würde versuchen, so gut wie möglich etwas von dem Leid wett zu machen, das sie wegen mir durchgemacht haben. Aber ob ich dort dauerhaft leben wollte, das weiss ich wirklich nicht. Ich denke eher, dass ich nach so vielen Jahren lateinamerikanischer Kulturdurchdringung nicht mehr recht mit einem Leben in Deutschland kompatibel bin. Und es gibt ja hier trotz allem Chaos auch durchaus einige sehr sympathische Aspekte. Das müsste ich ausprobieren, das könnte ich jetzt gar nicht sagen.

In der BRD würdet Euch momentan aber noch eine Verhaftung und ein Prozess erwarten. Die Vorwürfe gegen Euch sind zwar fast durchweg verjährt. Aber die Bundesanwaltschaft wendet auf Euch den Paragraphen 30 des Strafgesetzbuches an, der die Verabredung zu einem Verbrechen unter Strafe stellt. Da ist die Verjährungsfrist 40 Jahre, läuft in Eurem Fall 2035 ab. Es gab auch schon Verhandlungen mit dem GBA, ein Deal scheitere aber. Warum?

Die BAW lehnte 2018 eine neue Verhandlung kategorisch ab, das kam von ganz oben und den Grund kann ich dir nicht sagen. Davor hatte es im Laufe der Jahre schon zweimal Verhandlungen gegeben, die aber zu keinem Ergebnis kamen.

Wie verfolgst Du die politische Lage in der BRD wie stellt Sie sich aus der Ferne für Dich da?

Ich habe Internet, ein paar Abos, unter anderem von eurer Zeitung, und halte mich so einigermassen auf dem Laufenden. Die Situation der systemkritischen, radikalen Linken scheint aus der Ferne gesehen desolat zu sein, von Angst geprägt und ohne einen positiven eigenen Gesellschaftsentwurf jenseits von Kapitalismus und starkem Staat. Die Integration dieser ehemals antagonistischen Bewegung ins System scheint sehr weit fortgeschritten. Mal sehen, wie sich das entwickelt, wenn wir erstmal eine grüne Kanzlerin haben und dann vielleicht eine ehemalige Hausbesetzerin für die innere Sicherheit zuständig ist. Aber das ist ein weites Feld. Vielleicht sollte ich mir dazu gar kein Urteil erlauben, so lange ich an der Entwicklung nicht aktiv beteiligt bin.

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