Bernd ist tot

Bernd Heidbreder ist gestorben. Innerhalb von nur drei Wochen hat ein schnell wachsender Hirntumor sein Leben genommen. Bernd war einer von uns dreien, denen von der deutschen Justiz vorgeworfen wird, 1995 in Berlin Grünau versucht zu haben den Bau eines Abschiebegefängnisses zu verhindern. Die Gefährdung von Menschen war sorgfältig ausgeschlossen worden, nur die Struktur des Gebäudes sollte so nachhaltig geschädigt werden, dass der Abriss unumgänglich wäre. Es kam nicht dazu, der Plan flog auf, bevor er ausgeführt werden konnte. Wir tauchten ab und werden seitdem per internationalem Haftbefehl gesucht. Als die Vorwürfe der Bildung einer terroristischen Vereinigung und der Vorbereitung eines Sprengstoffanschlags zu verjähren drohten, zauberte die Bundesanwaltschaft einen neuen Vorwurf aus dem Hut: Nicht der versuchte Anschlag selbst, sondern die „Verabredung“ dazu sollten jetzt verfolgt werden, und dank eines juristischen Taschenspielertricks konnte die Verjährungsfrist auf insgsamt 40 Jahre ausgedehnt werden. 2014 wurde Bernd in Venezuela festgenommen, und obwohl der Oberste Gerichtshof seine Auslieferung nach Deutschland ablehnte, weil die Vorwürfe nach venezolanischem Recht längst verjährt waren, blieb er zwei Jahre lang ohne rechtliche Grundlage und unter menschenunwürdigen Haftbedingungen eingesperrt.
Danach war er nie wieder der selbe. Deutschland entzog ihm die Staatsbürgerschaft, weil er angeblich eine zweite Staatsbürgerschaft angenommen habe: Die falschen Papiere, mit denen er in Venezuela gelebt hatte, wurden vom Bundesverwaltungsgericht so behandelt, als wären sie echt. Venezuela, wo er Asyl als politisch Verfolgter beantragt hatte, gab ihm nie irgendeine Sicherheit für seine Zukunft, der Asylantrag wurde nie behandelt. Nicht einmal die Rote Auschreibung von Interpol wurde aufgehoben, was zur erneuten vorübergehenden Festnahme führte.
Diese Situation der ständigen Ungewissheit hat Bernd zermürbt. Es ist schwer, einen Zusammenhang zwischen psychischer Verfassung und körperlichen Gebrechen nachzuweisen, aber für uns, die wir seit seiner Entlassung mit ihm gelebt haben, ist die Verbindung offensichtlich.
Schon in den letzten Zügen liegend erfuhr Bernd noch, dass die CCF (Comission for the Control of Files) von INTERPOL die Rote Ausschreibung gegen ihn aufgehoben hat, weil sie nicht den Statuten der Organisation entspricht und offensichtlich willkürlichen Verfolgungsintressen der deutschen Behörden diente. Reichlich spät. Am 26 Mai fiel Bernd ins Koma, nachdem er nach einer Notoperation nochmal für zwei Tage bei Bewusstsein war. Am 27 Mai ist er gestorben. Er hat wenig gelitten.
Die Bundesanwaltschaft darf sich die Hände reiben. Auch wenn sie seiner nie habhaft werden konnte, hat sie doch ihr Ziel erreicht: ein weiterer aktiver Gegner des kapitalistischen Systems ist ausgeschaltet.
Bernd, ein sensibler und durch und durch friedfertiger Mensch, hat stets am Aufbau von egalitären Strukturen von Arbeit und sozialer Organisation mitgewirkt. Er verachtete den Konsumismus und lebte aus Prinzip immer in bescheidenen Verhältnissen. Die meiste Zeit hat er als Drucker gearbeitet.
Ich bin immer noch dabei zu versuchen, diesen Verlust zu verarbeiten. Zu überstürzt war alles um wirklich zu begreifen, dass er nicht mehr da ist. Es bleibt der Trost, so viele Jahre des Kampfes für eine gerechtere Gesellschaft mit ihm geteilt zu haben. Ich will versuchen, ihn durch mein eigenes Leben zu ehren. Hasta siempre, compañero!

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