Links, links, ein Hut, ein Stock, ein Regenschirm…

Was ist los mit der radikalen Linken in Deutschland? Da ist man mal eben für ein, zwei Jahrzehnte ausser Haus, und wenn man wieder auftaucht, findet man so was vor. Revoluzzer, die offenbar nur ihr angestammtes Terrain verteidigen, unfähig zu jeder Politik oder der Vemittlung ihrer Ideen in Kreise ausserhalb der eigenen Blase. Verlautbarungen, bei denen man sich erst noch mal vergewissern muss, ob sie denn nicht aus der Presseabteilung eines Ministeriums stammen. Und eine wilde Hatz auf jede Abweichung vom täglich neu festgelegten Gutmenschsprech. Bei jedem Versuch, zu einer Position zu kommen, betritt man ein begriffliches Minenfeld. So bleibt man am Ende lieber stehen, wo man ist, aus Angst, eine der Abkürzungen für unzählige identitätspolitische Klassifizierungen falsch wieder zu geben. Wollen wir so die bestehenden Verhältnisse umwälzen? Wollen wir denn überhaupt noch Verhältnisse umwälzen?

Was genau als „links“ zu gelten hat, kann man natürlich schlecht definieren. „Links“ ist eine Richtungsangabe. Wichtig ist in erster Linie zu bestimmen, was denn am Ende dieser Richtungen steht, also ganz weit links und ganz weit rechts. Und irgendwo dazwischen positioniert man sich, also „links von…“ oder „rechts von…“ Dann gibt es natürlich auch noch diejenigen, die meinen, das Rechts-Links-Schema sei überholt. Aber wenn man sich deren Argumente anhört, stellt man schnell fest, dass sie selbst sich sehr wohl im Schema befinden, und zwar eher rechts, was sie jedoch lieber nicht sagen wollen. Bisher gab es aber durchaus einen gemeinsamen Nenner, was denn als „radikal links“ zu gelten habe. Und zwar die Ablehnung des herrschenden kapitalistischen Systems, inklusive seiner verschiedenen Nuancen von Unterdrückung und Ausbeutung. Radikal links zu sein sollte also eigentlich heissen, dass man sich ausserhalb der bestehenden Gesellschaftsordnung positioniert. Aber stimmt das denn noch?

Ein wesentlicher Teil der ehemaligen radikalen Linken hat sich eindeutig vom Systemwechsel losgesagt, obwohl sie nach wie vor das Prädikat „linksradikal“ für sich reklamieren. Sie sehen sich heute als integraler Bestandteil der vom Markt bestimmten Gesellschaftsordnung, in der Art eines fortschrittlichen Korrektivs eines im Allgemeinen akzeptierten Systems. Das lässt sich schön darstellen am doppelten Bildersturm auf das Reichstagsgebäude. Während einer Corona-Demo erklomm eine Gruppe von Nazis die Treppe des symbolischen Zentrums der politischen Macht und schwenkte ihre Fähnchen. Man könnte sich noch fragen, was sie damit wollten, ob sie den Reichstag wieder mal niederbrennen wollten wie 1933 oder einfach nur ihren Anspruch auf die Führung des Landes darstellen wollten. Geschenkt, die Beweggründe von Nazis sollen uns hier nicht weiter interessieren. Aber jetzt kommt’s: Tags darauf titelte die taz, die sich schon seit längerem für ihre künftige Rolle als Regierungsblatt warm spielt, mit der Hymne der Hausbesitzer*innenbewegung Anfang der 80’er Jahre: „Das ist unser Haus!“ Gemeint war diesmal der Sitz des Parlaments. Geschrieben wurde das Stück jedoch von Ton Steine Scherben anlässlich der Besetzung des Georg von Rauch Hauses, benannt nach einem Aktivisten, der von Polizisten getötet wurde. Auch das ein Bildersturm, diesmal aber von links: Die vermeintlichen Erben der Bewegung bemühen ein Symbol des Kampfes gegen Staat und Kapital, um ihr eigenes Angekommensein im Zentrum der Macht zu rechtfertigen. Kein Protest regte sich aus der linksradikalen Szene. Die Umwidmung schien akzeptiert zu werden. Wichtiger als symbolpolitisches Erbsenzählen scheint den heutigen Radikalen die Einheit gegenüber dem eigentlichen Feind zu sein: Rechtsradikale und Aluhüte.

Was aber ist mit denjenigen, die den Sturz der Verhältnisse nach wie vor auf ihren schwarz-roten Fahnen tragen? Die, die immer noch die Umwälzung der Verhätnisse hin zu einer selbstbestimmten Gesellschaft propagieren? Sie machen einen resignierten Eindruck. Die Gralshüter*innen der Revolution scheinen sich darin zu genügen, innerhalb der eigenen Kreise den aufrechten revolutionären Gang zu pflegen, ohne sich um ihre Ausstrahlung in den Rest der Gesellschaft allzu viele Gedanken zu machen. Ihnen geht es mehr um Haltung als um Handlung. Wichtiger als etwas zu erreichen ist es ihnen offensichtlich, selbst möglichst untadelig da zu stehen. Das ist sicher nicht ganz falsch, kein Mensch braucht schliesslich Leute, die anderen kluge Ideen predigen, die sie für sich selbst aber nicht nicht anwenden wollen. Aber ist da noch wirklich der Wunsch lebendig, etwas anderes auszuprobieren als das Etablierte? Der Mut, zu träumen? Oder gefällt man sich einfach in seiner Nische, die vom System toleriert wird, weil sie ihm nicht wirklich gefährlich werden kann und ihm dafür einen Anstrich von Toleranz verschafft?

Das kapitalistische Modell ist auf Dauer nicht haltbar. Es funktioniert nur, wenn es ständig expandiert. Man muss kein mathematisches Genie sein um zu verstehen, dass es in einem begrenzten Raum kein unbegrenztes Wachstum geben kann. Wir können also darauf warten, bis irgendwann die letzten Ressourcen verbraucht und die letzten Winkel des Planeten vergiftet sind, bis der ganze Laden schlicht nicht mehr bewohnbar ist, bevor wir anfangen uns darüber Sorgen zu machen, was da wohl falsch läuft. Oder wir können jetzt darüber nachdenken, ob es vielleicht noch eine andere Form geben könnte, wie man das Leben auf diesem Planeten organisieren könnte. Intelligent genug dafür wären wir. Das einzige was uns dafür fehlt, ist der Mut.

Die Unsichtbaren

Die Sieger schreiben die Geschichte, stand in meinem letzten Beitrag, ihre eigene und die der Besiegten. Aber wer schreibt eigentlich die Geschichte der Unsichtbaren? Der Nicht-Existierenden? All der vielen Menschen, die sich ausserhalb der staatlich definierten Legalität befinden? Wer schreibt die Geschichte der Nicht-Legalen?

Versteckt zu leben ist eine einsame Angelegenheit. Zum einen, weil man in der Regel in einem neuen, ungewohnten Umfeld klarkommen muss und vom Kontakt mit den vertrauten Menschen, den Freund*innen und der Familie abgeschnitten ist. Aber es ist auch ein einsames Leben, weil man sich als jemanden ausgibt, der man nicht ist. Man kann ja schlecht überall rumposaunen, dass man einen Hintergrund von juristischer Verfolgung hat. Da wäre man bald aufgeflogen. Also rückt man sich eine Geschichte zurecht, wer man ist und warum man gerade hier gelandet ist. Eine unpolitische Geschichte, die nicht viel Aufmerksamkeit erregt, mit der die Leute um einen herum gut leben können ohne allzu viele Fragen zu stellen. Dieses sich Verstellen ist die andere Einsamkeit, für mich war es vielleicht die Schlimmere.

Mit dem Verlust meiner Lieben ging ich um, indem ich ihn abkapselte. Ich tat alle diese Gefühle in eine Schachtel und schrieb darauf: „Nicht schütteln, erst öffnen bei wiedererreichter Legalität.“ Ich dachte mir, dass diese abgeschnittene Nähe zu Menschen eine von aussen gewaltsam hergestellte Unterbrechung sei, und deshalb nicht wirklich zählt. Niemand, der mich liebt, würde seine Zuneigung zu mir verändern, nur weil staatliche Behörden das anordnen. Und ich würde es genauso halten. Als ich eines Tages nach mehr als zwanzig Jahren den verstaubten Karton wieder öffnete, war natürlich doch nicht alles wie vorher. Wir alle hatten uns verändert und manches passte einfach nicht mehr zusammen. Aber in vielen Fällen konnten wir emotional tatsächlich einfach wieder da anknüpfen, wo wir stehen geblieben waren, bevor wir durch die Umstände getrennt wurden.

Für die andere, die politische Einsamkeit habe ich nie einen wirklich brauchbaren Umgang gefunden. Lange bevor ich selbst abtauchen musste hatte ich mich mit der Thematik beschäftigt. Ich fand es nicht akzeptabel, dass abgetauchte Genoss*innen einfach aus unserem Leben verschwanden. Ich wollte, dass sie Teil der Bewegung blieben. Uns gefiel das Beispiel der türkisch – kurdischen Genoss*innen, wo auf Demos nicht nur die Bilder der im Kampf Getöteten und der Gefangenen mitgeführt werden, sondern auch Tafeln mit den Namen der Illegalen, wo statt einem Foto ein schwarzer Kasten steht. Eine schöne Form zu sagen: „Ihr seid mit dabei.“ Als ich dann selbst illegal wurde, habe ich versucht, diesen Anspruch umzusetzen. Als Unsichtbarer irgendwie Teil der Bewegung zu bleiben, weiterhin Teil dessen zu sein, weswegen ich weg gehen musste. Ich bin damit vollkommen gescheitert. Weder gab es das Bedürfnis von Seiten meiner früheren Bewegung, noch fand ich Wege, um auf irgend eine Art Teil von etwas zu bleiben.

Aber vielleicht kann ich nachträglich noch etwas beitragen. Wir drei sind sicherlich keine Profis in Sachen klandestines Lebens, wir haben schliesslich in all den Jahren der Illegalität meist nicht konspirative Regeln in den Mittelpunkt unseres Handelns gestellt, sondern in erster Linie versucht, innerhalb der gegebenen Bedingungen halbwegs gut zu leben und auch Spass zu haben. Und vielleicht war es ja auch gerade diese Komponente, die uns so lange hat durchhalten lassen. Aber ein paar praktische Dinge haben wir natürlich doch gelernt. Ich würde gerne diese Erfahrung zur Verfügung stellen für andere, die auf Grund ihres politischen Engagements vor der Entscheidung stehen, entweder für unbestimmte Zeit in den Knast zu müssen, oder dauerhaft in die Illegalität zu gehen. Dass sich dieses Angebot an Linke richtet, sollte klar sein. (Rechte haben das sowieso nicht nötig: Im Fall der Fälle werden sie beim Abtauchen ja schliesslich direkt vom Verfassungsschutz unterstützt, wie beispielsweise die Killer des NSU, die jahrelang unter dessen schützender Hand unbehelligt morden durften.)

Es gab in jüngster Zeit Initiativen, die die Situation der Illegalität von linken Aktivist*innen beleuchten wollten. Leider bleiben die Beiträge im grossen und ganzen im Bereich der Befindlichkeiten, antatt praktisch zu werden. Wenn ich mir vorstelle, ich hätte vor 25 Jahren diese Materialien zur Verfügung gehabt, als ich in einer Berghütte sass und darüber nachdachte, ob ich es schaffen könnte, mein weiteres Leben in der Illegalität zu verbringen, dann vermute ich, dass mir diese Veröffentlichungen nicht gross weiter geholfen hätte. Es ist offensichtlich, dass die Kolleg*innen meinen, sie könnten zu viel verraten, wenn sie über konkrete Probleme reden. Die Scham ist verständlich, schliesslich will niemand dazu beitragen, dass die abgetauchten Genoss*innen aufgespürt werden können. Dabei ist die Faustregel dazu, was gesagt werden kann und was nicht, ganz einfach: Alles was der Gegner weiss kann und soll veröffentlicht werden. Man begeht keinen Geheimnisverrat, wenn man der Polizei Dinge sagt, die sie eh schon weiss. Aber man unterschlägt Informationen für die eigenen Leute, wenn man diese Sachen für sich behält.

In den bewegten Jahren meiner Politisierung war es gang und gäbe, praktisches Wissen über die Arbeitsweisen der Polizei weiter zu geben. In jeder gut sortierten Wohngemeinschaft lagen Raubdrucke mit Anleitungen dazu, wie man sich einer polizeilichen Observation entzieht, und in der „radikal“ konnte man sich daüber informieren, wie verschlüsselt kommuniziert wird. Gibt es so was noch in Deutschland, oder haben sich alle damit abgefunden, dass die Überwachungsdienste sowieso schon alles wissen?

Es geht mir bei dem Gedanken, konkret über Illegalität zu reden, nicht um Folklore. Nicht um romantisches Gehabe in der Art des Renegado im Kinofilm. Auch nicht um eine mystische Überhöhung in der Art der Stadtguerilla der Siebziger, die behaupteten, die Illegalität sei ein „befreites Gebiet“ innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft. Das ist Quatsch! Sich zu verstecken, kann ganz schön blöd sein. Da muss man nichts beschönigen. Im Gegenteil meine ich, dass die Art, wie bisher darüber geredet wird, zur Mythenbildung beiträgt. Dadurch, dass für Aussenstehende die Situation im „Untergrund“ gar nicht richtig fassbar wird, wird sie in der Fantasie zu etwas Übermenschlichem. Etwas für Profis, was ohne die Unterstützung von Geheimdiensten oder der Mafia gar nicht zu bewerkstelligen ist. Aber das stimmt nicht. Illegal zu leben braucht keine besonderen Fähgkeiten. Die einzige unverzichtbare Voraussetzung ist Solidarität.

Viel mehr als noch in den Jahren, bevor ich abtauchen musste, haben die Menschen heute offenbar das Prinzip der Legalität verinnerlicht. Es braucht überhaupt keine konkrete Androhung einer Strafe, um sich an die Regeln zu halten. Der mitteleutopäische Mensch ist sein eigener Polizist. Man kann mein Lächeln darüber natürlich als billig abtun, schliesslich musste ich ja zwei Jahrzehnte lang Regeln brechen und Gestze unterwandern, um zu überleben. Da wird die schiere Notwendigkeit schnell zum Selbstverständnis. Aber ich meine doch, dass wir viel selbstbewusster unsere individuellen Rechte als Mensch verteidigen sollten gegen den Anspruch des Staates, über unsere Körper und unsere Zeit verfügen zu dürfen. Selbstveständlich braucht Zusammenleben Regeln, Regeln die von allen Beteiligten des Gemeinwesens gleichberechtigt erstellt werden. Solche Regeln können dann auch gegen den Willen Einzelner durchgesetzt werden. Aber diese Situation besteht in Deutschland nicht. Es gibt hier keine Rechtsgleichheit zwischen Reichen und Armen. Die Möglichkeit der Beteiligung der grossen Mehrheit am Rechtssystem ist marginal, während die wenigen Reichen über unendlich viele Möglichkeiten verfügen, die Regeln gemäss ihrer Interessen zu gestalten. Warum beispielsweise stehen in einer Gesellschaft, die keineswegs mehrheitlich rechtsradikal ist, die Sicherheitsbehörden schon immer ganz rechts? Und warum hat die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung keinerlei Möglichkeiten, daran etwas zu ändern? In einem Rechtssystem, in dem die Regeln von allen gemacht würden, wäre der Verfassungsschutz schon vor Jahrzehnten aufgelöst worden.

Die Demokratie ist in Deutschland Makulatur, eine Spielwiese, auf der alle mitmachen dürfen, die nichts Grundlegendes verändern wollen. Dass da mittlerweile auch alle möglichen Leute mitturnen, die dieses System früher mal abgelehnt haben, ändert nichts an dem Prinzip. Deshalb geht von diesem System keine Legitimität aus. Und deshalb hat jeder Mensch innerhalb dieser Gesellschaft das Recht und sogar die Verpflichtung, Gesetze, die der Moral zuwiderlaufen, zu brechen. Das bedeutet, dass man sich in Deutschland, wenn man das richtige tut, schnell in einer illegalen Situation wiederfindet. Wir müssen dafür nicht unbedingt den Rückbau von Abschiebegefängnissen als Beispiel heranziehen. Es reicht schon, sich anzuschauen wie Menschen behandelt werden, die sich gegen gegen den weiteren Abbau von Kohle zur Wehr setzen, weil sie nicht einsehen, dass die Profitinteressen weniger Reicher über dem kollektiven Interesse der Menschheit stehen sollen.

Ich möchte dafür plädieren, über das Leben ausserhalb der Legalität zu reden. Eine Diskussion zu führen, die in erster Linie praktisch orientiert ist. Die sich mit abhörsicherer Kommunikation, biometrischen Daten und dem Abschütteln von Verfolger*innen befasst. Und darum, warum es in den am meisten entwickelten Gesellschaften in dem Masse, in dem die Techniken zur Erfassung aller Lebensäusserungen immer allumfassender werden, es für die Menschen immer selbverständlicher wird, sich dieser Erfassung auszuliefern.

Die Vorstellung, in der Illegalität zu leben, hat ausser dem praktischen Aspekt des gezwungenen Überlebens ja noch eine andere Seite. Sie öffnet einen gedanklichen Raum jenseits der totalen Überwachung. Kaum jemand will sich das klar machen. Aus Angst vor bärtigen Terroristen und boshaften Viren kuscheln sich die meisten um einen paternalistischen Staat, der ihnen Schutz verspricht, und stimmen weitgehend konformistisch jeder neuen Konzentration der Macht in den Händen ihres vermeintlichen Beschützers zu. Aber hinter den Schreibtischen und Bildschirmen der Sicherheitsbehörden sitzen Menschen mit eigenen Plänen und Interessen, und nicht erst seit Snowden und NSU 2.0 wissen wir, in welche Richtung die zeigen. Es ist eine Frage der Zukunftssicherung, sich Räume jenseits dieser staatlichen und korporativen Kontrolle zu erhalten. Dafür muss man etwas tun, das kommt nicht von alleine. Man muss forschen, experimentieren, Allianzen schmieden. Und vor allem muss man sich den Freiraum im eigenen Kopf erhalten: Dass ein Leben ausserhalb von oben verordneter Normen unser Recht als Mensch ist.

 

Schuldfrage

Ich bekenne mich schuldig. Schuldig nicht unbedingt im Sinne der uns vorgeworfenen Straftaten. Das ginge nicht, schliesslich ist die dafür verwendete juristische Konstruktion zu absurd, ein typisches Beispiel von politischer Justiz gegen den linken Gegner. Da geht es nicht um den Nachweis von konkreten Taten, sondern um das Bestrafen einer Gesinnung. Ausserdem müsste ich dafür ja erst mal vor Gericht stehen, bis dahin habe ich schliesslich als unschuldig zu gelten. Auch wenn erstaunlicherweise gerade die eifrigsten Verteidiger*innen des deutschen Rechtsystems die darin verankerte Unschuldsvermutung meist doch nicht so eng sehen und immer wieder meinen, schon mal vorab selbst klären zu müssen, was wir denn verbrochen haben könnten.

Nein, schuldig in einem viel weiteren Sinne. Eine generelle, eine Allgemeinschuld also. Weit über einen konkreten Tatvorwurf hinaus bin ich irgendwie schuld am Scheitern der Polititk, für die diese Taten stehen. Schuldig an der historischen Niederlage der revolutionären Idee. Schuld daran, nicht gewonnen zu haben. Eine generelle Totalschuld für den persistenten Glauben an die Idee, dass die Regeln des Zusammenlebens nicht von den Stärkeren diktiert, sondern unter Gleichen ausgehandelt werden sollten. Weil wir immer noch meinen, dass Menschen zu etwas besserem in der Lage sein müssten als zu diesem sich selbst verschlingenden System von Gefrässigkeit, Rücksichtslosgkeit und Verschwendung.

Fidel Castro sagte im Prozess nach seinem gescheiterten Putschversuch: „Die Geschichte wird mich freisprechen.“ Ein kluger Kopf! Der Mann machte Geschichte, siegte und sprach sich frei. Weil immer die Sieger die Geschichte schreiben, nie die Verlierer. Das Gedächtnis der Besiegten dagegen muss im Dunkeln mühsam gepflegt werden, immer in Gefahr, von den journalistischen Söldnern der Sieger aufgespürt und zertrampelt zu werden. Bei uns, den weniger Geschickten in Sachen Realpolitik, muss es deshalb heissen: „Die Geschichte wird uns schuldig sprechen.“

Bei den Katholiken ist das ganz einfach. „Durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine grosse Schuld“, raunen die Gläubigen, lassen sich mit geweihten Wassern beträufeln und „Zack!“ ist die Seele wieder rein, bis zum nächsten sündigen Gedanken. Beneidenswert. Wir radikalen Linken haben leider kein entsprechendes Procedere vorgesehen. Bei uns stiehlt man sich in der Regel heimlich aus der Affäre, kümmert sich um’s Private und wartet, bis Gras über die Sache gewachsen ist. Um dann, Jahre später, im Kreise der Lieben nach ein paar Bier augenzwinkernd zu verraten, dass man früher auch mal ganz ein Schlimmer war. Da geht es dann nicht mehr um Geschichte, nur noch um Geschichten. Uns Dreien, die wegen der versuchten Zerstörung eines Abschiebegefängnisses gesucht werden, ist dieser Weg verbaut. Mit waschfester Farbe ist uns das Wort SCHULD auf die Stirn geschrieben. Damit muss man leben. Was nach so vielen Jahren auch nicht mehr wirklich ein Problem ist. Man gewöhnt sich daran, das Schuldigsein wird zur „façon d‘être“. Ist dann auch nicht mehr wirklich wichtig, ob was dran ist. Notfalls erkläre ich mich auch schuldig für die Untaten anderer Leute.

Vielleicht könnte ich damit ja meinen Lebensunterhalt verdienen. Als Sündenbock für die Vergehen anderer. „Professioneller Hauptschuldiger übernimmt für eine kleine Gebühr die volle Verantwortung.“ Ich beginne als Ein-Mann-Startup, später source ich die Schuld dann aus und beschäftige eine Herde von Sündenböcken auf der ganzen Welt. Per Sin-App wird die individuelle Teilschuldgebühr errechnet und automatisch abgebucht, mein Anteil inklusive. Bei so viel Bedarf nach weissgewaschenen Westen könnte das ein Erfolgsmodell werden.

25 Jahre auf der Flucht

Seit mittlerweile einem Viertel Jahrhundert verfolgt die deutsche Justiz Bernd Heidbreder, Peter Krauth und mich wegen einem Sprengstoffanschlag auf die Baustelle des Abschiebegefängnisses Grünau am 11 April 1995. Ein Anschlag, der nie ausgeführt wurde. Mit abenteuerlichen juristischen Konstruktionen hat die Bundesanwaltschaft (BAW) dafür gesorgt, dass sie weiter gegen uns fahnden kann, obwohl die ursprünglichen Vorwürfe, nämlich ein Gebäude der Bundeswehr zerstört und eine „terroristische Vereinigung“ betrieben zu haben, längst verjährt sind. Als Grund der Strafverfolgung muss jetzt die angebliche „Verabredung zu einer Straftat“ herhalten, deren Verjährung absurderweise länger hinausgezögert werden kann als die Straftat selbst. Proteste bis vor den höchsten juristischen Instanzen waren zwecklos. Die BAW darf uns weiter belangen und sorgt mit Neuauflagen der Roten Ausschreibung von Interpol dafür, dass wir selbst in unserem fragilen venezolanischen Exil nicht in Ruhe gelassen werden, was unlängst zur monatelangen Festsetzung von Peter unter inhumanen Bedingungen geführt hat.

Woher dieser hartnäckige Verfolgungsdrang? Niemand wird ernsthaft denken, dass drei in die Jahre gekommenen Männer, die sich mit Landwirtschaft, chinesischer Heilkunde und Musizieren beschäftigen, eine Bedrohung für die Sicherheit der BRD darstellen. Gefahrenabwehr kann wohl kaum die dahinter stehende Motivation sein. Vielleicht geht es ja darum, das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit aufrecht zu erhalten und klar zu machen, dass die deutsche Justiz in ihrem Anspruch auf Durchsetzung der Gesetze keinen Spielraum gewährt? Aber das wiederum widerspricht der Erfahrung, dass dieselbe Justiz recht nachgiebig ist, wenn es um Verbrechen mit einem rechten Hintergrund geht, oder wenn der Staat selbst der Täter ist, wie wir es beispielsweise bei der systematischen Verschleppung des Verfahrens gegen die Mörder von Oury Jalloh gesehen haben.

Was dann? Vielleicht hat dieser hartnäckige Beisszwang eher etwas mit dem Thema zu tun, um das es bei den Vorwürfen gegen uns geht. Um auf die Rolle der BRD bei der Niederschlagung der kurdischen Kämpfe um Autonomie hinzuweisen, sollte 1995 der Bau eines Abschiebegefängnisses in Nähe des Flughafens Schönefeld verhindert werden, der die Abschiebung unerwünschter Ausländer*innen effizienter gestalten sollte. Ein Thema, das noch heute brandaktuell ist. Mehr denn je schottet sich Europa gegen die Migration aus dem Süden ab, gegen die zu kurz Gekommenen im Kampf um Absatzmärkte und Ressourcen und gegen die Opfer der Kriege, die geführt werden, um die weltweite Vormachtstellung eines Geschäftsmodelles durchzusetzen, das zwangsläufig Menschen und Lebensräume zerstört um seinen unersättlichen Hunger nach Wachstum zu stillen. Und nach wie vor werden bei diesem Kampf Bevölkerungsgruppen wie die Kurd*innen, die zwischen die Fronten der geopolitischen Interessen geraten sind, erbarmungslos zerrieben. Protest gegen diese Politik ist für die Behörden, die den Schutz dieser Wirtschaftsform nach innen durchsetzen sollen, nicht zulässig. Ist das der Grund, warum die BAW meint, uns auch noch 25 Jahre nach einem vereitelten Anschlag jagen zu müssen, der ausschliesslich Sachschaden produzieren sollte und die Gefährdung von Menschen sorgfältig ausschloss?

Wie ist es uns ergangen in diesen Jahren?

Nachdem wir 1995 abtauchen mussten, begannen wir damit, uns ein neues Umfeld aufzubauen, das mit dem alten keine Berührungspunkte hatte. Es wäre gelogen, würde ich hier erzählen, dass uns das besonders leicht gefallen sei. So vieles in unserer alten Umgebung, was wir vorher als gegeben hingenommen hatten, erschien uns plötzlich als das Wichtigste im Leben überhaupt. Man will eben immer das, was man gerade nicht haben kann. Wir hatten zu kämpfen mit dem Verlust von Freundschaften, die von heute auf morgen einfach abgeschnitten waren. Das ist noch relativ leicht in Fällen, wo alles Freude und Einklang war. Das ist dann eben zu Ende, und es bleibt eine schöne Erinnerung. Was ist aber mit den Beziehungen, die schwierig waren, und wo es keine Möglichkeit mehr gab, irgendwelche Probleme abzuklären? Da hatten wir lange die eine oder andere Leiche im Keller liegen, und das waren mit Sicherheit die schwierigsten Situationen für uns.

Wie umgehen mit dem ständigen Druck, dass nach dir gefahndet wird? Es war ein Lernprozess. Auch wenn man sich vorher schon damit beschäftigt hat, ist es in der konkreten Situation Neuland. Was können die Bullen, was sind ihre Möglichkeiten, was davon setzen sie real um, wie denken und wie arbeiten sie? Und was sind unsere Möglichkeiten, wie funktionieren wir in Stressituationen, was sind unsere Lieblingsfehler? Wo lernen wir leicht dazu, und wo wiederholen wir wider besseren Wissens immer wieder den gleichen Mist (und vermeiden also nach Möglichkeit die entsprechende Situation)? Es ist fundamental, ein Gefühl dafür zu entwickeln, was der Apparat real ausrichten kann. Auf der einen Seite nicht übertrieben selbstsicher und damit leichtsinnig zu sein, Kamikaze zu machen. Zum anderen die Greifer nicht zu überschätzen, auf dem Teppich zu bleiben, nicht paranoid zu werden.

Eines ist sicher: Dass wir mit der neuen Situation so relativ gut klar kamen, hatte weniger mit uns selbst als vor allem mit anderen zu tun. Ohne die konsequente Unterstützung uns freundlich gesonnener Menschen stünden wir heute bestimmt anders da. Wir haben seit unserem Abtauchen eine immense Solidarität erfahren. Sowohl von den Leuten „zu hause“ in Berlin, als auch dort, wo wir jeweils untergekommen sind. Natürlich waren nicht alle immer hilfsbereit, es gab auch ein paar weniger erfreuliche Erlebnisse, aber in der grossen Mehrheit der Fälle war das so, und das war ein Gefühl der Geborgenheit, das ich gerne mit „globaler Zärtlichkeit“ umschreibe. Es ist die gelebte Erfahrung, dass unsere Träume von einer solidarischeren Welt durchaus ein Fundament haben. Dass es überall Menschen gibt, die bereit sind, anderen zu helfen, auch wenn sie persönlich nichts dabei gewinnen, oder sogar etwas riskieren.

Liebe Freund*innen, auch die, von denen wir gar nichts wissen:

Seid umarmt für eure Unterstützung und Solidarität! Auch wenn die deutsche Justiz uns jetzt noch in ihre Krallen bekommen und uns die Freiheit nehmen sollte, eines kann sie uns nicht mehr nehmen: Die Erfahrung, dass wir in der Not zusammen halten und selbst gegen einen übermächtig erscheinenden Feind überleben können. Dank euch allen dafür!