Schuldfrage

Ich bekenne mich schuldig. Schuldig nicht unbedingt im Sinne der uns vorgeworfenen Straftaten. Das ginge nicht, schliesslich ist die dafür verwendete juristische Konstruktion zu absurd, ein typisches Beispiel von politischer Justiz gegen den linken Gegner. Da geht es nicht um den Nachweis von konkreten Taten, sondern um das Bestrafen einer Gesinnung. Ausserdem müsste ich dafür ja erst mal vor Gericht stehen, bis dahin habe ich schliesslich als unschuldig zu gelten. Auch wenn erstaunlicherweise gerade die eifrigsten Verteidiger*innen des deutschen Rechtsystems die darin verankerte Unschuldsvermutung meist doch nicht so eng sehen und immer wieder meinen, schon mal vorab selbst klären zu müssen, was wir denn verbrochen haben könnten.

Nein, schuldig in einem viel weiteren Sinne. Eine generelle, eine Allgemeinschuld also. Weit über einen konkreten Tatvorwurf hinaus bin ich irgendwie schuld am Scheitern der Polititk, für die diese Taten stehen. Schuldig an der historischen Niederlage der revolutionären Idee. Schuld daran, nicht gewonnen zu haben. Eine generelle Totalschuld für den persistenten Glauben an die Idee, dass die Regeln des Zusammenlebens nicht von den Stärkeren diktiert, sondern unter Gleichen ausgehandelt werden sollten. Weil wir immer noch meinen, dass Menschen zu etwas besserem in der Lage sein müssten als zu diesem sich selbst verschlingenden System von Gefrässigkeit, Rücksichtslosgkeit und Verschwendung.

Fidel Castro sagte im Prozess nach seinem gescheiterten Putschversuch: „Die Geschichte wird mich freisprechen.“ Ein kluger Kopf! Der Mann machte Geschichte, siegte und sprach sich frei. Weil immer die Sieger die Geschichte schreiben, nie die Verlierer. Das Gedächtnis der Besiegten dagegen muss im Dunkeln mühsam gepflegt werden, immer in Gefahr, von den journalistischen Söldnern der Sieger aufgespürt und zertrampelt zu werden. Bei uns, den weniger Geschickten in Sachen Realpolitik, muss es deshalb heissen: „Die Geschichte wird uns schuldig sprechen.“

Bei den Katholiken ist das ganz einfach. „Durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine grosse Schuld“, raunen die Gläubigen, lassen sich mit geweihten Wassern beträufeln und „Zack!“ ist die Seele wieder rein, bis zum nächsten sündigen Gedanken. Beneidenswert. Wir radikalen Linken haben leider kein entsprechendes Procedere vorgesehen. Bei uns stiehlt man sich in der Regel heimlich aus der Affäre, kümmert sich um’s Private und wartet, bis Gras über die Sache gewachsen ist. Um dann, Jahre später, im Kreise der Lieben nach ein paar Bier augenzwinkernd zu verraten, dass man früher auch mal ganz ein Schlimmer war. Da geht es dann nicht mehr um Geschichte, nur noch um Geschichten. Uns Dreien, die wegen der versuchten Zerstörung eines Abschiebegefängnisses gesucht werden, ist dieser Weg verbaut. Mit waschfester Farbe ist uns das Wort SCHULD auf die Stirn geschrieben. Damit muss man leben. Was nach so vielen Jahren auch nicht mehr wirklich ein Problem ist. Man gewöhnt sich daran, das Schuldigsein wird zur „façon d’être“. Ist dann auch nicht mehr wirklich wichtig, ob was dran ist. Notfalls erkläre ich mich auch schuldig für die Untaten anderer Leute.

Vielleicht könnte ich damit ja meinen Lebensunterhalt verdienen. Als Sündenbock für die Vergehen anderer. „Professioneller Hauptschuldiger übernimmt für eine kleine Gebühr die volle Verantwortung.“ Ich beginne als Ein-Mann-Startup, später source ich die Schuld dann aus und beschäftige eine Herde von Sündenböcken auf der ganzen Welt. Per Sin-App wird die individuelle Teilschuldgebühr errechnet und automatisch abgebucht, mein Anteil inklusive. Bei so viel Bedarf nach weissgewaschenen Westen könnte das ein Erfolgsmodell werden.