Musik

Ich musste erst abtauchen, um wieder zur Musik zu finden. In meinen frühen Jahren in Baden Baden hatte ich in verschiedenen Bands gespielt, von Folk über symphonischen Rock bis hin zu Punk. Doch mit meiner zunehmenden Politisierung blieb die Gitarre immer öfter in der Ecke stehen. Alle Energie wurde von meinem Engagement in der autonomen revolutionären Bewegung absorbiert, meine Kreativität widmete ich fortan vor allem dem Dichten von Kampfparolen. Doch das änderte sich, nachdem ich mich 1995 der deutschen Justiz entzog, die mich einsperren wollte, weil ich mich angeblich am Rückbau von Bundeswehrkasernen und Abschiebegefängnissen beteiligt hatte. In den folgenden Jahrzehnten, in der Einsamkeit feuchter Dschungelhütten und anonymer Stadtwohnungen, wurde die Gitarre zum grossen Tröster, um der kulturellen Entwurzelung mit einem Stück musikalischer Heimat zu begegnen. Ich wurde zum Lagerfeuermusikant.

Die folgenden Stücke sind in den Jahren meiner Flucht entstanden. Das ganze ist ein Flickwerk, nicht aus einem Guss, sondern in Etappen zusammengetragen. “Im Regen” zum Beispiel, ist ein kollektives Entwicklungslied: Die erste Strophe stammte vom Badener Sänger Gog Jones, andere Bruchstücke wurden von Fluchtbekanntschaften beigesteuert, bis es irgendwann ein Lied war.

Ich habe erst angefangen, meine Stücke fertigzustellen und aufzunehmen, als ich nach Jahren der häufigen Wechsel von Wohnorten und Projekten, mal bedingt durch Lebenslaunen, mal weil die Polizei dicht auf unserer Fährte war, in Mérida relativ sesshaft wurde. Ich traf andere Musiker, spielte wieder in einer Band, und in der gefühlten Sicherheit meiner falschen Identität und finanziell abgefedert durch meine Arbeit in einer Kooperative, konnte ich mich fallen lassen und mich neben dem Überlebenskampf auch anderen Dingen widmen.

Aber 2014 war es vorbei mit der vorübergehenden Stabilität. Fahnder der Interpol waren meinem Fluchtkollegen Bernhard auf die Spur gekommen und nahmen ihn an seinem Arbeitsplatz in Mérida fest. “Recht ist geschmeidig”, dachte sich die findige deutsche Justiz, und obwohl die Sache eigentlich verjährt war, fand sie einen Weg, uns weiter zu verfolgen. Wieder hiess es Koffer packen und ab auf den Berg. Aber diemal nahm ich neben meiner Gitarre auch einen Laptop und ein Mikro mit, und in den folgenden Monaten, in einer abgelegenen Hütte in den venezolanischen Anden, vertrieb ich mir die nagende Wartezeit mit dem Aufnehmen meiner Stücke. Am 8 März 2016 schliesslich tauchte ich wieder auf, wir beantragten bei der venezolanischen Regierung als politische Flüchtlinge anerkannt zu werden und beendeten damit die Illegalität von zwei Jahrzehnten. Die meisten meiner Stücke bilden eine Art Tagebuch dieser Flucht.

Unter den folgenden links kannst du dir meine Lieder anhören. Ansonsten gibt es auch die CD bei Spotify oder Apple. Oder physisch über info@partisan-filmverleih.de